Was macht eigentlich …... der Gestalter Hans-Jörg Pochmann?

der mit seiner Diplomarbeit »Fallen« zweimal bei der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet wurde? Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt!

SB: Deine Diplomarbeit an der HGB Leipzig FALLEN hat sowohl den »Förderpreis für junge Buchgestaltung 2012«, als auch die »Goldene Letter« beim internationalen Wettbewerb »Schönste Bücher aus aller Welt/Best Book Design from all over the World« 2013 gewonnen. Welche Auswirkungen hatten die Auszeichnungen?

HJP: Erstmal natürlich ungläubige Freude. Und das nach wie vor.

Weiterhin haben sie es auch ein klein wenig einfacher gemacht, einen Verlag für FALLEN zu finden. Es hat beim August Dreesbach Verlag in München ein schönes Zuhause bekommen.

Darüber hinaus haben mich beide Preise darin bestärkt, mich weiter mit den großen und sperrigen Fragen der Zeit zu beschäftigen: Was ist ein Buch heute (noch)? / Was ist dran an der stetig beschworenen Entmaterialisierung und dem Gerede von ‘content’? / Was ist das eigentlich für komisches Zeug, auf dem dieser vor uns erscheint? / Und in wiefern hat dieses Zeug (noch) mit einem Buch zu tun; bzw. woher kommt der Zwang es permanent mit Büchern in Beziehung setzen zu wollen?

SB: Unsere Jury sagt über das Buch: »Ein großartiges, schwindelerregendes Buchprojekt, Cover, Ausstattung und Gestaltungsidee sind nahezu ideal verschmolzen!«. Kannst du versuchen, uns das Buch ganz kurz zu beschreiben?

HJP: FALLEN ist ein »Dreh-Buch«, das die typografische und sprachliche Doppeldeutigkeit des Wortes fallen aufgreift, das im Deutschen den Vorgang des Hinabfallens meint, englisch gelesen dagegen ein Ergebnis beschreibt: gefallen. /
Um die Konventionen der Arbeitsweise von Grafikdesignern infrage zu stellen, habe ich die übliche Aufgabenverteilung umgekehrt und zwei Autoren gegen Honorar beauftragt, jeweils einen Text zu verfassen, der sich (auf Deutsch bzw. Englisch) inhaltlich mit dem Homographen fallen auseinandersetzt. /
Oben und Unten, Vorn und Hinten, die Gravitationskräfte der Buchseite werden aufgehoben, indem sich der Satzspiegel beim Lesen zunehmend dreht, bis man ab der Mitte des Buches »rückwärts« liest, die letzte Seite des einen Texts zur ersten Seite des anderen führt und beide wie ein Möbiusband (ohne Anfang und Ende) verknüpft sind. Hier geht’s zum FALLEN Video!

SB: Woran arbeitest du zur Zeit?

HJP: Ende März habe ich an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig mein Meisterschülerstudium mit einer Arbeit über Papier abgeschlossen. Inspiriert von Lothar Müllers Buch »Weiße Magie. Die Epoche des Papiers« habe ich versucht, die Tatsächlichkeiten von Papier im Zeitalter der Digitalisierung zu zeigen; als allgegenwärtiges und daher quasi unsichtbares Ding, zum Beispiel vor oder lange nach dem Druck.
Parallel zu meinem Studium in Leipzig war es mir durch ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes möglich, als research student am Royal College of Art in London der Frage nach der Materialität von digitalen Medien, ihrer Maschinen und Interfaces nachzugehen: Wie kann ich das tatsächlich werden lassen, was Derrida als »Geheimnis ohne Rätsel« beschrieben hat? Was sind das für Dinge, die gleichzeitig alles scheinbar unmittelbar machen, in ihrer Komplexität selbst jedoch immer undurchdringlich bleiben?

SB: Welches ist dein aktuelles Lieblingsbuch, bzw. welches hat dich zuletzt am meisten beeindruckt und warum?

HJP: Am meisten freue ich mich über Bücher, bei denen Lösungen gefunden wurden, die so simpel sind, dass es wirkt, als wären sie selbstverständlich. Zum Beispiel der Band »Transformations« des Künstlers Kader Attia, gestaltet vom Studio Quentin Walesch. Das Buch kommt mit einem Festeinband daher, der Buchblock besteht aber aus einzelnen Lagen, die mittels Rückstichbroschur mit dem Cover verbunden sind. Diese Geste ist ebenso roh wie subtil und passt auch inhaltlich genial zu Attias Auseinandersetzungen mit den Narben, die durch den Kolonialismus versursacht wurden.

Mehr zur Person: www.hinojo.de oder www.hansjoergpochmann.com

Foto: Merve Terzi, Berlin