BronzemedailleJapan

Megumi KAJIWARA, Tatsuhiko NIIJIMA
Motion Silhouette
Megumi KAJIWARA, Tatsuhiko NIIJIMA

Gestaltung: Megumi KAJIWARA, Tatsuhiko NIIJIMA
Druck: Tatsuhiko NIIJIMA


Die doppelseitigen Szenen in diesem Kinderbuch sind eigentlich nur unvollständig geschildert; der Betrachter muss die Handlung selbst steuern, und dann kommt tatsächlich etwas in Bewegung – nicht nur durch das Umschlagen der Seiten.

Es lässt sich am besten im Dunkeln erleben. Auf jeder Doppelseite sind im Bund Kartonsilhouetten eingeheftet. Mit einer kleinen Taschenlampe oder dem Handylicht wird der Zuschauer selbst zum Regisseur des Schattens, den er nun auf dem wohlkalkulierten Papierweiß tanzen lässt. Plötzlich landen die Vögel auf dem Geäst; ein Schmetterling flieht vor der Spinne zu den Rosen, die Pusteblume wird zerpustet, ein Gespenst greift nach dem Kind, eine Lok dampft zum Mond. Kratz- und Schleifstrukturen modulieren die schattenrissartigen Illustrationen ins Räumliche. Sie sind überaus reizvoll reproduziert; zwei Schwarztöne ergeben ohne Raster auf dem matten, gelblichen Karton eine samtige Anmutung, und samtig fühlt sich das Rückenfälzel aus flauschigem Material an. Es ist faszinierend, fast wie zu Zeiten der Schlitztrommel, die eigene Imagination von solch nichtelektronischen Mitteln befeuern zu lassen – und das im Zeitalter der hyperflimmernden Bilder.


BronzemedailleDeutschland

Christof Nüssli, Christoph Oeschger
Miklós Klaus Rózsa
Spector Books / cpress, Leipzig

Gestaltung: Christof Nüssli, Christoph Oeschger
Druck: DZA Druckerei zu Altenburg GmbH, Altenburg
ISBN: 978-3-944669-42-7


624 DIN A4-Seiten. Na, dann mal schnell Daumenkino gemacht. Ein Bömbchen hier, eine Staubwolke da, viele Polizeihelme dort, und noch mehr faksimilierte Schreibmaschinenseiten. Alles schön schwarzweiß, danke, alles klar: Vergangenheitsbewältigung, Stress mit dem Staat. BRD, 1968? DDR, Stasi? Moment mal: Stadtpolizei Zürich, Kantonspolizei Zürich, Bundespolizei? Stress in der Schweiz! Das als Quellenedition inszenierte Material, das der Schweizerische Staat von 1971 bis 1989 über den Fotografen und Politaktivisten Miklós Klaus Rózsa ansammelte sowie das fotografische Werk von Rózsa selbst ist in dieser Publikation zu einem Kunstwerk der Zeitgeschichte komponiert worden.

Eine der faszinierenden Fotografien: nächtliches Stacheldrahtgewölle im Blitzlicht. Wie angenehm es für die Menschen in Uniform gewesen sein mag, die Bürgerattacken zu beschwichtigen, sei dahingestellt. Das gravierende, sublime Mittel der Buchgestaltung: Alle Dokumente der staatlichen Überwachung und der zeitgenössischen Berichterstattung sind mit einem kreidig-weißen Fond versehen; alle Fotografien von Rózsa und Paratexte sind Schwarz auf Papierweiß reproduziert. Dieser kaum wahrnehmbare, aber entscheidende Kontrast zieht den dritten Beobachter, also den Leser, in das Bespitzelungskarussel mit hinein.
»Labile Elemente«: Das war wohl das Motto der Bundespolizei wie der Buchgestaltung. Es waren wohl Freaks am Werk.


BronzemedailleSchweiz

Laurenz Foundation, Schaulager, Basel; Badlands Unlimited, New York
Paul Chan. New New Testament
Laurenz Foundation, Schaulager, Basel

Gestaltung: Kloepfer-Ramsey Studio, Brooklyn
Druck: Schwabe AG Druckerei, Muttenz
ISBN: 978-3-95239-715-2


Proportion des Buchkörpers: einem Lektionar entsprechend. Abbildungen rechte Buchseiten: Der Künstler hat Bucheinbände von ihrem Inhalt befreit. Die aufgeklappten Decken benutzt er als hochformatige Leinwände. Darauf malt er stumpfe Rechtecke, flächig, blaugrau, hell bis dunkel, zuweilen mit Bergmotiv – wie Titelschildchen ohne Titel.

Jedes neue Bild streng durchnummeriert, versmäßig, zwanghaft. Die ursprünglichen Rückenzeilen bleiben meist lesbar. Text linke Buchseiten: Den Nummern dazugestellt sind je ein Text – chiffriert in konkreter Poesie mit erweiterter Interpunktion und Syntax, wie von einer höheren Macht dirigiert.

Dieses Prinzip scheinbar verknoteter Semiotik feuerte schon im Barock nachdenkliche Gemüter an, den Weltsinn in den emblematischen Büchern zu enträtseln. Die Ernsthaftigkeit solcher Unternehmen ist freilich nur gewährleistet, wenn alles mit größter Sorgfalt und Stringenz angelegt ist, das heißt mit rechten Dingen zugeht: perfekte Proportionen, klassischer Satz aus der Garamond, präziser Druck.

Ein exegetischer Versuch: Die materielle Seite am Testament ist sein Dasein als Buch. Die semantische Seite ist sein Verstecktsein als Code. Die Kunst im Buch macht das Buch zur Kunst wird zur Kunst durch das Buch macht die Kunst.


BronzemedailleBelgien

Valérian Goalec, Béatrice Lortet
Éléments Structure 01
Théophile’s Papers

Gestaltung: Alexis Jacob, Valérian Goalec
Druck: Nicolas Storck (Autobahn)


»Das Dokument bildet das Werk, und das Werk bildet das Dokument.« Dieser Satz, aus dem Katalog herausgegriffen, verweist auf die verschränkte Referenzialität in künstlerischen Konzepten, bei denen beispielsweise ein gedruckter Katalog nicht bloß Beiwerk, sondern ein wesentlicher Bestandteil ist. So scheint es auch hier zu sein.

Das Elementare ist Thema der fotografischen Serie von Entlüftungsgittern; elementar ist die Gestaltung des Katalogs. So elementar, dass das volumige Werkdruckpapier, der grobe Raster, der einfarbige, unterfärbte und abgerissene Druck an Notwendigkeit kaum zu unterbieten ist. Untrügliches Zeichen für diese Strategie ist das Stilzitat der »Elementaren Typografie«, freilich unter Verwendung der Akzidenz Grotesk in der Beschränkung auf zwei Schriftgrade.

Das muss genügen.


BronzemedailleNiederlande

Bruno van den Elshout
New Horizons
The Eriskay Connection, Breda

Gestaltung: Rob van Hoesel
Druck: Lenoirschuring, Amstelveen
ISBN: 978-94-92051-04-2


Aus dem mächtigen Schuber zieht man eine kräftige Banderole. Aus der Banderole zieht man, nun ja, ein Buch, vielmehr einen Buchblock. Kein Einband, kein Umschlag, weder fadengeheftet noch klebegebunden, der Rücken nur fein geriffelt durch die gefalzte Kante der Bögen.

Der Block fühlt sich gar nicht an wie ein Buch. Er lässt sich ohne jeglichen Widerstand aufblättern, aber er ist so starr wie ein massives Stück geschliffenes Holz. Rein gar nichts Buchtechnisches außer den glatten Seiten ist dem klaren Quader anzusehen. Allein diese Form, dieses Objekt wirkt minimalistisch monumental.

Das Äußere kontrastiert so sehr mit dem fluiden Sujet der Bilder: Wasser, Meer, Himmel, Licht, Wolken. 300 Fotografien auf 212 Seiten zeigen den Meereshorizont. Es handelt sich um eine Auswahl aus 8785 Bildern, die ein Jahr lang jede Stunde vom selben Standpunkt aufgenommen wurden.

Schweben zwischen Himmel und Wasser. Ein Buch ohne Worte.