EhrendiplomRumänien

Fabrik–72+87
Cartea de vizită
Fabrik

Gestaltung: 72+87
Druck: Atelier Fabrik


Der Begriff »Visitenkarte« hat heutzutage eher metaphorischen Charakter: die elektronische Visitenkarte, klickmäßig ins Verzeichnis auf die eigene Festplatte verschoben (auch eine Metapher), die eigene Website als quasi-öffentliche Visitenkarte, die geputzten Schuhe. Selbst die auf vorperforierten Labberkarton tintenstrahlgedruckten Designvorlagen kann man wohl nur im übertragenen Sinne so bezeichnen.

Der Katalog historischer Visitenkarten aus Rumänien ist eine Hommage an ein Medium der persönlichen – und notwendigen – Alltagskommunikation. Das Selbstbewusstsein des Absenders drückte sich nicht in visueller Lautmalerei aus, sondern es spielte eigentlich kaum eine Rolle: Zurückhaltende Eleganz war eine Selbstverständlichkeit. Genau das wird wohl die Botschaft der Druckerei sein, die zu ihrer Ausstellung historischer Visitenkarten diesen Katalog produziert hat. Sehr fein faksimiliert und zum Begreifen echt gedruckt präsentiert jede Buchseite eine Karte mit Vorder- und Rückseite – mit der Wirkung eines Herbariums.

Dass der Karton des Buchblocks mit falscher Laufrichtung gewählt wurde, mag hoffentlich kein Zufall sein. Immerhin entspricht es der Gepflogenheit, durch die Laufrichtung mit der langen Seite der Karte eine höhere Festigkeit zu verleihen.


EhrendiplomKanada

Micah Lexier
More Than Two (Let It Make Itself)
The Power Plant

Gestaltung: Jeff Khonsary (The Future)
Fotos: Jeremy Jansen
Druck: Tallinna Raamatutrükikoda
ISBN: 978-1-894212-38-0


Auf den ersten Blick wirkt eines komisch: die sehr großen roten Zahlen, direkt in die Schwarzweiß-Abbildungen der Kunstwerke gedruckt.

Die Geschichte geht vielleicht so: Ein Katalog soll zur Ausstellung erscheinen. Wie soll das gehen, wenn womöglich nicht alle Künstler Fotografien zur Verfügung stellen können, und die 221 Werke aus den unterschiedlichsten Richtungen erst zusammengetragen werden müssen? Also muss der Katalog während der kurzen Zeit des Aufbaus produziert werden.

Dieser Umstand wird zum Konzept des Kataloges erhoben. Auf einigen Bildern erkennt man, dass die Position des Objekts oder Bildes gerade vorbereitet wird. Die willkürlich und auffällig in die Katalogmitte gesetzte Objektliste, rot gedruckt auf rosa Papier, heißt demnach »checklist«. Der Katalog gewinnt eine eigene künstlerische Qualität, die ausgestellten Kunstwerke werden über die temporäre Ausstellung hinaus durch einen roten Faden verbunden: nämlich durch die rote Nummerierung als Chiffre für den Prozess des Ausstellungsaufbaus, des In-Beziehung-Setzens der Werke im Raum. Ein einfaches, ein bestechendes Buchkonzept.


EhrendiplomSchweiz

Rob van Leijsen
Art Handling in Oblivion / fink twice 501
edition fink, Verlag für zeitgenössische Kunst, Zürich
Gestaltung: Rob van Leijsen, Georg Rutishauser, Sonja Zagermann
Druck: Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell
ISBN: 978-3-03746-501-1

Petra Elena Köhle, Nicolas Vermot-Petit-Outhenin
Albert’s Guesthouse / fink twice 502
edition fink, Verlag für zeitgenössische Kunst, Zürich
Gestaltung: Petra Elena Köhle, Nicolas Vermot-Petit-Outhenin, Georg Rutishauser, Sonja Zagermann
Druck: Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell
ISBN: 978-3-03746-502-8

Thomas Galler
Walking through Baghdad with a Buster Keaton Face / fink twice 503
edition fink, Verlag für zeitgenössische Kunst, Zürich
Gestaltung: Thomas Galler, Georg Rutishauser, Sonja Zagermann
Druck: Kösel GmbH & Co. KG, Altusried-Krugzell
ISBN: 978-3-03746-503-5


Ein bemerkenswertes verlegerisches Konzept: Reprints von Künstlerbüchern, quasi als Taschenbuchausgaben. Der Umschlag macht das Downsizing auf drastische Weise deutlich, indem das in Originalgröße behaltene Motiv einfach beschnitten wird. Die riesige Rasterweite macht keinen Hehl aus der Zweitverwertung; die neue Serie heißt ja auch: fink twice.

Die technische Gleichschaltung der Nachdruckreihe – einfarbiger Druck, dünnes offenes Papier, Klebebindung – geht aber nicht ganz so weit. Trotz Verkleinerung der Innenseiten behält jede Zweitausgabe ihr individuelles Format, so wie die Umschlaginnenseiten ganzflächig mit einer eigenen Schmuckfarbe bedruckt sind. Die Schriftgröße der Rückenzeilen variiert je nach Rückenbreite. Und bemerkenswert ist es, wie diese unprätentiösen Drucke überhaupt nicht als bloße Aufgüsse wirken, sondern ihren Charakter beibehalten – und einen neuen bekommen.


EhrendiplomEstland

Verschiedene Autoren
SERIES The Seto Library. Seto Kirävara
Seto Instituut

Gestaltung: Agnes Ratas
Druck: Greif
ISBN: verschiedene


Die Büchergruppe wird vom Seto-Institut herausgegeben, das sich der Pflege und Dokumentation einer Sprache im Südosten Estlands, dem Setu, widmet. Es wird nur noch von einigen Tausend Menschen gesprochen.
Mit diesem publizistischen Engagement ist an eine regelrechte Bibliothek des Seto gedacht. Dichtung, Lieder, Biografisches, die Evangelien, Volkskundliches werden in Buchform konserviert. Zwei Formate stehen je nach Textsorte zur Verfügung. Der buchgestalterische Reihencharakter bezieht sich weniger auf einen inhaltlichen Zusammenhang als vielmehr auf die kulturellen Gemeinsamkeiten dieser kleinen Sprachgruppe überhaupt. Die schlichten Pappbände zitieren Merkmale von Trachten. Dort weißes Leinen, hier gebrochenes Papierweiß – dort Stickereien und Bordüren – hier geometrische, textile Ornamente auf den Buchrücken. Der Einbandbezug wird einfarbig bedruckt, von Band zu Band in wechselnden Rottönen; Kapital- und Zeichenband sind jeweils farblich passend dazu gewählt. Die robuste Machart der etwas weit über den Buchblock ragenden Stehkanten ist der ländlichen Tradition der Setukesen angemessen.

An dieser Reihe wird einmal mehr deutlich, dass das Buch als Medium wie kaum ein anderes der Identitätsbildung von Gemeinschaft dient, als Medium, immaterielles Kulturerbe zu bewahren.


EhrendiplomTschechien

Pavel Karous (ed.)
Aliens and Herons
A Guide to Fine Art in the Public Space in the Era of Normalisation in Czechoslovakia (1969–1989)
Arbor vitae, Academy of Arts, Architecture and Design, Prague

Gestaltung: Tereza Hejmová
Illustrator / Fotos: Pavel Karous, Hynek Alt
ISBN: 978-80-7467-039-8


Dieses Buch wurde sicherlich aus einem naturkundlichen Regal gezogen. Es handelt sich um eine Taxonomie der Skulptur im öffentlichen Raum der Tschechoslowakei 1968 bis 1989. Nach den Regeln der Biowissenschaften sind hier die großformatigen plastischen, skulpturalen und bildnerischen Werke systematisiert. Wie verblüffend es ist, Kosmonauten, Küssende, die Varianten von Muf Supermuf und die Explosionen von Transformers in Stein, Beton und Bronze auf Spielplätzen, in Parks und vor dem Massenwohnungsbau zu bestaunen, die dort wie selbstverständlich die Botschaft der heilen Welt und zukunftsverheißenden Welterschaffung verkünden.

Nun der Absatz für die Bibliophilen: Es riecht so gut! Der Rücken bleibt heil beim Aufschlagen. Die 32-seitigen Heftlagen gestalten den Vorderschnitt als Relief so wunderbar griffig. Der Druck der Farbsätze auf das gelbliche Papier erinnert den Westler wehmütig an die Formulare, die er für den Grenzübertritt akribisch ausfüllen musste. Und diese sparsamen, so präzise gesetzten wissenschaftlichen Zeichnungen in Punktiermanier – sie sind Indikator dafür, dass sich die Herausgeber mit Selbstdistanz und großer Warmherzigkeit einer ganzen künstlerischen Gattung ihres politisch-kulturellen Erbes gewidmet haben.

Ein Vorbild für alle Denkmalämter.