BronzemedailleBelgien

Matthias Phlips
Daniël van Dicht
Lannoo

Design: Dear Reader; Matthias Phlips (Illustrations)
Druck: Publikum
ISBN: 978-94-0141-975-8


Dieser Pykniker sprengt die Schubladen jeder Typenlehre. Sein Phlegma geht soweit, dass er – bis auf ein seltenes Erröten – den Fährnissen des Alltags völlig gleichgültig gegenübersteht. Er findet sich in sehr praktischen, aber immer leicht bis schwer absurden Situationen wieder, aber eigentlich alles scheint an ihm abzuperlen. Meistens dreht es sich um Hunde und Nahrungsaufnahme. Oder im Nachmachen von irgendetwas. Der bequeme Herr mogelt sich zwischen die Enten, um mit aufgerissenem Schlund das Meiste von der Fütterung zu erheischen.

Zum Glück ist er ja nur gezeichnet. Der beleibte, unbekleidete Herr van Dicht ist also Protagonist von wöchentlich erscheinenden Cartoons, die hier in einem flexiblen Folianten versammelt sind. Die Seiten sind großzügig aufgebaut, wunderbar komponiert, farblich sparsam, immer flächig, viel Rosa – und alles mit eindeutigen, gleichstarken Konturen gezeichnet. Ein gewisser psychologischer Ausdruck entsteht durch diese zeichnerische Sparsamkeit – Spiegel von van Dichts sichtbarer Gier und latentem Geiz. Die Figur ist obendrein mimisch extrem reduziert. Der Zeichner verzichtet selbst auf das wichtigste Ausdrucksmittel eines Gesichtes: die – hier brillenverdeckten – Augen.

Das Buch ist als des Nackedeis eigenes Album konzipiert: Aus dem Off, also aus dem Bildrand, greifen dann und wann die speckigen rosa Hände in die Bildfläche, fixieren mal einen Karton mit dem Klebestreifen oder knipsen sich die Fingernägel.


BronzemedailleNiederlande und Flandern

De Vormforensen (Annelou van Griensven & Anne-Marie Geurink)
Het Meest Geloofde Sprookje
De Vormforensen (distribution De Vrije Uitgevers)

Design: De Vormforensen (Annelou van Griensven & Anne-Marie Geurink)
& Lyanne Tonk
Druck: Drukkerij Tielen, Boxtel
Buchbindung: Boekbinderij Abbringh, Groningen
ISBN: 978-90-824196-0-3


Ein kleines Männlein wird machthungrig, es beginnt, Kreise zu malen und tauscht sie gegen Dinge. Die Kreise werden immer größer; die Nachfrage nach ihnen kulminiert in der Begierde nach der goldglänzenden Sonne.

Die gefalzten Bögen des Pappbandes sind am Kopf geschlossen, so dass zwischen den Doppelseiten Taschen entstehen, vorn und unten offen. Diese sind innen mit einem ganzen Repertoire an geometrischen Mustern bedruckt – ganz geheimnisvoll. Wie passt das ins visuelle Szenario von Collagen aus geschnittenen und gerissenen Formen, von zweifarbigem Druck, Signalrot und Tintenblau, mit Goldfolie geprägt? Bereits die Kreise in der Schrift beginnen sich zu verselbständigen: das o der halbfetten Groteskschrift verlässt die Schriftline, zuckt nach oben oder unten.

Der Druck im Bogeninneren entpuppt sich als Abdruck von Sicherheitskuverts: mit Sichtschutz durch Innendruck, meist ganzflächige Linienmuster, die das Durchscheinen von Kennwörtern, Kontonummern oder sonstig brisanter Finanzkommunikation verhindern.

Am Ende stürzt das ganze Dings zusammen: “Oh nee, wat nu?” Ein Kinderbuch? Eine Parabel über Angebot und Nachfrage, Wachstumsoptimismus und den absoluten Wert des Geldes: Das am meisten geglaubte Märchen.


BronzemedailleÖsterreich

Christoph Miler
Nowhere Men. Illegale Migranten im Strom der Globalisierung
Luftschacht, Wien

Design: Christoph Miler, Zürich (CH)
Druck: Druckerei Theiss, St. Stefan im Lavanttal
ISBN: 978-3-902844-53-8


Schwierige Themen, schöne Bücher – wie passt das zusammen?
Der größte gemeinsame Nenner im Dreisatz von Migration – Startmotivation, Odyssee und Zielort – scheint wohl zu sein: Angst. Angst auf allen Seiten. Doch was wissen wir überhaupt über illegale Migration in Europa?

Dem Autor und Gestalter Christoph Miler scheinen die Tagesnachrichten nicht zu genügen. Geliehene Erfahrung ersetzt er durch eigene Recherche. Er findet sechs Lebenswege und hört den Menschen zu, ihren Geschichten und dem äußeren und inneren Durcheinander.

Miler macht daraus ein Buch. Er setzt mit ruhiger Hand zwei Tonspuren auf. Zum einen kommen die sechs Protagonisten zu Wort. Diesen Worten widmet sich die Typografie mit dem gleichen Respekt wie anderen Texten von literarischer Qualität. Zum zweiten werden Schlagzeilen und Bilder aus den schnellen Massenmedien zitiert und in das beständige Medium des Buches transponiert. Es sind assoziative Dokumentationsseiten, von den biografischen Schilderungen scharf separiert durch einen hellgrauen Hintergrund. Diese Parallelführung korrigiert die Kontexte, könnte man sagen, die bei gewöhnlichem und ausschließlichen Nachrichten- und Datenkonsum hergestellt werden. Die Einzelerkenntisse müssen nicht notwendigerweise falsch sein. Aber dieses Buch zeigt wieder einmal, was beim Malen unserer Weltbilder meistens auf die Palette fehlt: Der einzelne Mensch, sein persönliches Schicksal, seine Individualität, schlicht: sein Menschsein.

Ein bedenkenswertes Buch, eine künstlerische Momentaufnahme – Menschen von irgendwo, jetzt hier.


BronzemedailleChina

Zhou Xue
Pleasure of Learning
Phoenix Fine Arts Publishing Ltd.

Designer: Qu Minmin, Jiang Qian
Druck: Shanghai Artron Art Printing Co., Ltd.
ISBN: 978-7-5344-9717-9


Wie ein Bündel geheimer Dokumente umschlägt die weiche Filzmatte den Bochblock, mit einem Bastfaden verzwirbelt. Dann verdunkeln Seite für Seite Tuschespuren von kalligrafischen Bewegungen das cremige Naturweiß des Papiers, bis man in eine neue Welt eingetaucht ist. Auf dem kräftigen, zähen Papier stehen die Texte in filigraner chinesischer Satzschrift, hier und da wässrige Tuscheschlieren – Arbeitsspuren, durchgeschlagene oder abgelegte Druckfarbe? Eine Täuschung – der Fadenzähler zeigt die technischen Rasterpunkte. Visuelle Preziosen werden entblättert: gefaltete, hauchzarte Reispapiere sind in die Heftlagen eingearbeitet; sie tragen einseitig bedruckt die Abbildungen von Kalligrafien und Tuschemalereien – meistens eine Kombination des ganzen Blattes mit einem großen Detailausschnitt.

Man arbeitet sich sehr behutsam durch das Buch, weil es in seiner Papiermischung, in der Fadenheftung mit offenem Rücken und dem geheimnisvollen Anfang so verletzlich erscheint. Deshalb begegnet man mit erhöhter Achtsamkeit den künstlerischen Blättern – Buch, Abbildung, Betrachtung verschmelzen zu einem kontemplativen Ganzen. Genau dies entspricht dem pädagogischen Motiv des ganzen Projektes nach einem Wort von Konfuzius: Pleasure of Learning.


BronzemedailleNorwegen

Ingvar Ambjørnsen, Editor: Bendik Wold og Nils-Øivind Haagensen /
Flamme Forlag
Farvel til romanen. 24 timer i grenseland
Flamme Forlag

Design: Aslak Gurholt Rønsen / Yokoland
Illustration: Espen Friberg / Yokoland
Druck: Livonia Print Sia, Latvia
ISBN: 978-8282880596


Hübsch auch für Nichtraucher kokelt die Zigarettenkippe auf dem schmalen Buchrücken so vor sich hin. Sie gehört zu dem langhaarigen Profil mit den heftigen Koteletten auf der Umschlagrückseite. Auf den zugehörigen Klappen erscheinen Blumentopfgewächse in freier Entfaltung, eine entkorkte Flasche mit gefülltem Glaskelch. Und vorne, auf der Hauptseite, nackte Füße; aber die Geschichte geht noch weiter. Unter den Füßen, also auf dem Papiereinband, entdeckt man den Boden, jedenfalls ein Muster radial verlegter Pflastersteine, rot verfugt durch das rote Papier. Üppige Vegetation umrankt einen leeren Gartenstuhl auf dem Vorsatz, aktiviert durch das gleiche rote Papier. Soviel Atmosphäre – und man ist noch nicht einmal auf Seite Eins angekommen.

Im Gesamten hat der Band eine klassische Form. Die Erzählung zeigt sich in einer zeitlosen Serifenschrift mit deutlichem Fett-Fein-Duktus, der angenehmen Lesbarkeit halber mit dem nötigen, aber nicht zu großen Zeilenabstand gesetzt. Reichlich beigegebene, ganzseitige Illustrationen mit beruhigendem Weißraum setzen das visuelle Setting aus dem Eingangsbereich fort. Die Pinselstriche modulieren von Kontur zu Fläche, in einem Mal gezogen, in wässrig ineinander übergehenden Grautönen. Günstige Lesebedingungen erzeugt dieses Buch sich selbst.