EhrendiplomNorwegen

Åsne Seierstad, Po Tidholm, Lars Forsberg, Barbara Szybinska Matusiak,
Vidje Hansen, Bruno Laeng
LIVING THE NORDIC LIGHT
Zumtobel AG

Designer: Snøhetta
Druck: Göteborgstryckeriet


Ein voluminöser Band in weißem Kartonumschlag, der Titel aus kräftigen Futuraversalien in Mittelachse hochgeprägt, erzeugt den Eindruck eines Kunstkataloges. In der tiefgeprägten Fläche auf der Umschlagrückseite klebt eine Fotografie auf glänzendem Papier. Aus dem brillanten Schwarzweißportrait schaut eine betagte Frau zurück. Es geht um Licht, um nordisches Licht.

Sehr unterschiedliche Teile erwarten den Betrachter im Innern. Vier Portraits in Text und Fotografie von etwa hundertjährigen Personen – zwei assoziative Bildsammlungen zu Aspekten von Dunkelheit und Licht – drei wissenschaftliche Essays über den Einfluss des Polarlichts auf die Lebensumstände des Menschen.

Es entsteht so etwas wie eine visuelle Kulturgeschichte zur Wirkung des Lichts in nördlichen Gefilden. Im Mittelpunkt stehen Mensch und lebensspendende Dimensionen des Lichts.

Der letzte, kurze Teil des Buches aber fällt beinahe gar nicht auf. Bis auf wenige Grafiken ist er unbebildert; die sparsamen, schlichten Zahlentabellen erkennt man als wesentliche Bestandteile eines Geschäftsberichts. Dann erinnert man sich an die winzige Zeile auf dem Buchumschlag, die man nur überflogen hatte. In der Tat handelt es sich um einen Geschäftsbericht eines Unternehmens für Lichttechnik. Die beeindruckende, künstlerische Präsentation dokumentiert Anspruch und Qualität des Unternehmens, für das es einen eindeutigen Maßstab gibt: das natürliche Licht.


EhrendiplomTschechien

Anna Babanová, Jitka Hausenblasová, Jitka Kolářová, Tereza Krobová,
Irena Smetáčková
Career Choice Without Prejudice
Gender Studies, Prague

Design: Jan Šiller
Druck: Carter/Reproplus, Prague
ISBN: 978-80-86520-48-3


Klischees von Geschlechterrollen und deren Einfluss auf die spätere Berufswahl zu hinterfragen und aufzubrechen, das ist das Anliegen dieses Schulbuches für den Projektunterricht.

Der offene Rücken schmückt nicht nur, eine bessere Aufschlagbarkeit lässt sich kaum vorstellen – es steht die Praktikabilität im Vordergrund. Denn nicht nur schülerfreundlich muss ein Schulbuch sein; natürlich sollen sich erst einmal die Lehrenden mit schlafwandlerischer Sicherheit darin orientieren können. Hier helfen Piktogramme und der eindeutige Seitenaufbau. Die Typografie ist freilich didaktisch, aber unorthodox zugleich, wie es beispielsweise die Spaltenvarianten zeigen. Mit deutlichen Sprüngen in den Schriftgrößen, mit den Variationen von Spaltenanzahl und Spaltenbreite, mit trennenden und zuordnenden feinen Linien bekommt die Typografie die redaktionell stark gegliederten Inhalte in den Griff.
Die Illustrationen der Männer- und Frauenbilder im Roy-Lichtenstein-Stil sind charakteristisch getroffen, sie sind aber nicht überzeichnet und sehr sparsam mit modegebundenen Merkmalen ausgestattet – eine subtile Teilaufgabe an die Gestaltung mit einer plakativen, aber gleichermaßen zeichnerisch subtilen Lösung.

Dicht und großzügig zugleich ist das Ganze gestaltet. Die Texte erscheinen kompakt, und dennoch bleibt den Seiten sehr viel Luft; beiden Lesegruppen, der lernenden wie der pädagogischen, bleibt die Infoflut erspart. Nicht zuletzt kündet das wunderbare Inhaltsverzeichnis von der konzeptionellen Stringenz. Es wirkt wie Gebrauchsanweisung und Zusammenfassung in einem.


EhrendiplomVenezuela

Paolo Gasparini, Victoria de Stefano (Text), Ana Nuño (Translation)
Del reverso de las imágenes
Editorial mal de ojo

Design: Álvaro Sotillo, Juan F. Mercerón (Assistent)
Druck: Editorial Ex Libris
ISBN: 878-980-12-8253-2


Menschen und Grüppchen, Spiegelungen und Durchblicke, Augen und Objektive, Schaufenster und Puppen, Bürgersteige und Reklame, Maßstabsverwirrung und Größenverdrehung, Innen und Außen, Haut und Plastik, Tag und Nacht, Stil und Zeitlosigkeit …

Als wenn eine einzelne dieser Schwarzweißfotografien nicht schon genügte, um die Sehgewohnheiten zu stören, sind sie – im Buch kaum wahrnehmbar – als Bildpaare auf Stoß zusammengesetzt. Auf diese Weise entsteht aus dem eigentlich scharfen Schnitt lediglich eine weitere Fuge in den ohnehin facettierten fotografischen Kompositionen, und die Bilder verschmelzen zu einem komplexen visuellen Ereignis.

Dem Buchgestalter gelingt es, dieses synthetische Verfahren des Fotografen zu potenzieren. Er sorgt für weitere Bildfrakturen, indem er die Bilder – die japanische Klebebindung macht es möglich – über die gefalzte Vorderkante laufen lässt. Das Buch verkörpert nun quasi einen ganzen Film, dessen Schnitte zu konstituierenden Bildbestandteilen werden.

Die Verwirrung scheint komplett – aber über eines klärt sie auf: dass wir nie sicher sein können, ob wir das, was wir sehen, auch überhaupt erkennen – und umgekehrt. Trugbilder entlarven sich als echte Bilder; das Reale erscheint immer nur als Schein. Der Fotograf praktiziert die Kunst der Umkehrung des Blickes, könnte man sagen. Und plötzlich schauen die Dinge einem in die Augen.


EhrendiplomDeutschland

Photographs by François Schaer, Text by Pauline Martin
Jours Blancs
Kehrer Verlag Heidelberg / Berlin

Design: Nanni Goebel/ Kehrer Design Heidelberg
Druck: Saarländische Druckerei & Verlag GmbH, Saarwellingen
ISBN: 978-3-86828-521-5


Der großformatige Einband zeigt auf den ersten Blick eine abstrakte Landschaft, eine wie in Zen-Trance mit spitzem Pinsel getupfte Zeichnung. Das täuscht.
Für den zweiten Blick muss man sich etwas Mühe geben, um den fotografischen Ursprung der Winterlandschaft zu erkennen. Wie Spuren im Schnee sind die Versalien des Titels blind aufgeprägt.

Der Band versammelt eine umfangreiche Serie von Fotografien, die in visuellem Minimalismus dem Aktionsradius der Skifahrer huldigen. Sie nutzen das Weiß als Bildgrund, den die Tage bereitstellen, wenn ein übernatürliches Licht alles – schneebedeckte Piste und Himmel – wie mit weißer Luft durchtränkt.

Wie druckt man diese vielen Weißabstufungen mit vier Farben? Denn es ist verwunderlich, dass ein 70er Raster genügt, um diese feinen Tonwertdifferenzen auch auf dem matten, saugenden Karton aufrechtzuerhalten. Vielleicht sind die Druckfarben höher pigmentiert?

Zwischen die Bildtafeln sind hin und wieder Vakatseiten gesetzt – mit Nichts drauf –, immer dann, wenn eine Verschnaufpause gut tut. Man ist sogar versucht, auch dort noch gedruckte Spuren der schwerelosen Helligkeit zu erspähen.

Die knappen Legenden sitzen zum Glück nicht bei den Bildern. Sie sind am Ende auf einem dünneren Papier beigegeben, als Synopse mit briefmarkengroßer Bildwiederholung.

In diesem Teil nutzt die zurückhaltende wie kongeniale Buchgestaltung das Durchscheinen des dünnen Papiers, und sie verlängert das Erlebnis der räumlichen Verunklärung, das doch die Fotografien so großartig inszeniert.


EhrendiplomNiederlande

Mariken Wessels
Taking off. Henry my neighbor
Art Paper Editions, Gent

Design: Mariken Wessels, Jurgen Maelfeyt
Druck: Die Keure, Brugge
Buchbindung: Hexspoor, Boxtel
ISBN: 978-94-90-800-345


Das Buch erzählt die Geschichte von Martha und Henry. In Bildern. Die Jugendfotos. Trauung. Dann endlose Reihen von Entkleidungsposen. Martha verlässt Henry. Organische Collagen aus Fragmenten der Aktfotos. Surreale Tonfigürchen. Tierfallen im Wald.

Waren die Aktfotos jemals für die Öffentlichkeit bestimmt? Alles wirkt privat. Die biedere Umgebung. Geistesabwesender Ausdruck des Models. Selten lächelnd. Blumenampel mit Plastikeichhörnchen. Henrys unermüdliches Herstellen, Sammeln und Kategorisieren der Aktposen in bizarrer Buchhaltung.
Der Katalog inszeniert das Material wie einen Nachlass. Der Betrachter wird völlig distanzlos Henrys rätselhaftem Projekt überlassen. Man wird eher an Mammografie erinnert als an Erotik. Der Sohn schreibt einen Brief an die Mutter. Faksimiliert liegt er in einer Vakatdoppelseite bei. Die Vergangenheit zersplittert.

Wenn man sich geduldig durch den Wahnsinn blättert, gelangt man zu den weißen, phantastischen, in sich ruhenden Körperplastiken – Hermaphroditen gleich, an antike Torsi erinnernd. Abstrakte Körperformen entstehen. Eigenständige Objekte, abgelöst von Henrys manischer Beschäftigung mit seinem Fetisch, seiner Fahndung nach der Form. Das Buch endet – vor Epilog und Impressum – mit einem Werkverzeichnis der Körperplastiken.

Die Veröffentlichung ist eine Würdigung von Marthas Mut. Und es ist eine späte Würdigung von Henrys Weg zur Kunst.