BronzemedailleSchweiz

Christof Nüssli
Withheld due to:

Design: typosalon, Christof Nüssli
Printer: Graphius, Gent (BE)
Publisher: cpress
ISBN: 978-3-9524710-0-5


Dieses Heft macht den Eindruck, als ob es irgendwann einmal vielleicht ein Buch werden könnte. Es besteht aus losen Blättern – eigentlich bloß ein simpler Papierstoß, lieblos zusammengeknickt. Der äußere Bogen erinnert entfernt an einen Schutzumschlag; auf dem völlig fehlbelichteten Titelbild ist so gut wie nichts zu erkennen. Darin liegt ein dickes Bündel mit hässlichen Bildern, seinerseits eingeschlagen in einige knallneonorangefarbige Blätter: kreuz und quer übereinander gedruckte Behördenkorrespondenz, Ausdrucke von Emails, Fotokopien, zigfach hin und her gefaxt, mit handschriftlichen Notizen und Kritzeleien, mit Filzer geschwärzten Textstellen, bis zur Unleserlichkeit besudelt. Sie wirken wie notdürftige Schmuckpapiere, sehen offensichtlich aus wie Makulatur.

Wie gerät dieses liederliche Papierding in den Kontext der schönsten Bücher aus aller Welt? Die 198 Bilder zeigen Ausschnitte entblößter Körper von Inhaftierten, die nach der juristischen Aufarbeitung des Folterskandals im irakischen Abu Ghraib von der U.S.-amerikanischen Regierung zur Veröffentlichung freigegeben wurden. Sie gehören zu den unverfänglichen Fotos, auf denen Grausames kaum zu entdecken ist. Wenn das Ganze aufgeklappt wird, liegen folgende und weitere 50 Fragen obenauf: »What should these images prove?« Sie stehen auf einem wiederum knallneonorangefarbigen Blatt in der Heftmitte. Die Bilder müssen nun, auch wenn die gerichtlichen Urteile längst gesprochen wurden, eine zweite Befragung über sich ergehen lassen. Denn in moralischer, gesellschaftlicher Hinsicht ist der Skandal noch lange nicht erledigt. Diese Aktualisierung gelingt dem Herausgeber mit den sparsamsten, aber beißend eingerichteten Zutaten.


BronzemedailleDeutschland

Nele Dechmann, Fabian Jaggi,
Katrin Murbach, Nicola Ruffo
UP UP – Stories of Johannesburg’s Highrises

Design: Huber / Sterzinger, Zürich (CH);
Assistant: Nicolas Leuba
Illustration: Nele Dechmann, Fabian Jaggi
Photography: David Southwood, Guy Tillim, Mpho Mokgadi and Namsa Leuba
Printer: Offsetdruckerei Karl Grammlich GmbH
Publisher: Hatje Cantz Verlag, Ostfildern
ISBN 978-3-7757-4093-7


Die zurückspringenden Seiten fallen sofort ins Auge, auch wenn das Buch noch geschlossen daliegt. Die Papierblätter der Textteile sind einen Zentimeter schmaler, und so teilen sich die formalen Einheiten – wie durch natürliche Fugen – schon beim ersten Durchblättern von alleine. (Für den Benutzer besonders handgreiflich, für den Hersteller besonders aufwändig.) Links steht ein großes Bild, rechts – statt einer Überschrift – eine Aussage in so großer Type, wie sie selbst als Titel übertrieben wirken würde. Aber die visuelle Schlagzeilenqualität weist auf die Gleichwertigkeit der Interviews und Essays mit den architektonischen Schwarz-weiß-Porträts der Bauwerke: tolle Architekturfotos – historisch, dokumentarisch und zeitgenössisch – und die kürzeren Textseiten mit der fetten Barockantiqua, die so, wie sie verwendet wird, den journalistischen Impetus des redaktionellen Konzepts sichtbar macht. Man könnte sagen, es entstehen Komposit-Kapitel, die aus jeder Architektur einen soziologischen Fall machen.
Hochhausarchitektur des zwanzigsten Jahrhunderts in Johannesburg: Geschichte, Lebensgeschichte bekommt einen Ort – das Bauwerk, die Baugeschichte bekommt eine biografische Beziehung. Die Gestaltung des Klappenumschlags erweist sich als sprechend: Vertikale tektonische Struktur in goldenem Druck auf schwarzem Karton.


BronzemedailleNiederlande

Emily Dickinson, Edna St. Vincent Millay
DWARS VERS

Design: Team Thursday (Simone Trum & Loes van Esch)
Printer: Drukkerij Tielen, Boxtel
Publisher: Ans Bouter en Benjamin Groothuyse
ISBN 978-90-825974-0-0


Die Klappenbroschur hat sehr besondere Klappen. Sie verstärken nicht den Umschlag, sondern sie sind vorn mit einer Art zweitem Rücken ausgebildet, so dass sie in der Buchmitte je eine Hälfte des Buchblocks einfassen. Der Band lässt sich demnach in beiden Richtungen ins Regal stellen. Ein lyrisches Diptychon – und in der Tat öffnet sich das Buch automatisch zwischen seinen beiden Hälften. Die Klappeninnenseiten tragen die Namen der Dichterinnen, in gegenläufig gestürzten Zeilen und großer Grotesktype. Sie verdecken jeweils etwa zur Hälfte die ganzseitigen Portraitfotos, das linke monochrom in blauer Farbe, das rechte in Grün gedruckt, entsprechend farbig die Zeilen. Die Paratexte zu Buchanfang – Titelei, Aufsätze – und Buchende – Aufsätze und Anhang – sind in blaugrüner Mischfarbe gedruckt, ein offenkundiges wie plausibles Mittel, beide Buchteile harmonisch zu verbinden. Überhaupt sind die gestalterischen Mittel bewusst reduziert. Die geräumigen Weißanteile, die Grotesktype in der Art um 1900, die überraschenden Farben, die strenge Bucharchitektur bilden einen frischen Rahmen für die Poesie der beiden amerikanischen Dichterinnen.


BronzemedailleSchweiz

Olivier Lebrun and Urs Lehni
Bernard Chadebec – Intrus Sympathiques

Design: Olivier Lebrun and Urs Lehni
in collaboration with Simon Knebl, Phil Zumbruch,
Saskia Reibel and Tatjana Stürmer (HfG Karlsruhe)
Printer: Die Keure (BE)
Publisher: Rollo Press, Zürich
ISBN 978-3-906213-11-8


Die Monografie im Taschenbuchformat würdigt das Plakatschaffen von Bernard Chadebec. Es sind bunte Plakate mit ernstem Thema und pädagogischem Zweck: Prävention von Arbeitsunfällen und Berufskrankheiten. Chadebec war über viele Jahrzehnte angestellter Grafiker des nationalen Instituts für Forschung und Sicherheit in Frankreich. Aber im Katalog: keine Spur von Mahnungen, Katastrophenszenarien und Risikodrohungen. Stattdessen: ein buntes Kaleidoskop grafischer Reize, wie sie typisch sind für die sechziger und siebziger Jahre.

Die Plakate sind großartig ins Buch gebracht. Als verkleinerte Reprints auf hauchdünnem Papier sind sie doch noch so groß, dass sie nicht einzeln auf eine Buchseite passen. Sie, die Reprints, wurden also zweimal gefalzt, jeweils drei zu Heftlagen zusammengetragen und fadengeheftet. Aber der Buchkopf wurde nicht beschnitten. So stehen die Ausschnitte der geviertelten Plakate mal auf dem Kopf, mal stehen sich Teile von verschiedenen Plakaten gegenüber. Eigentlich kann man sie überhaupt nicht komplett betrachten. Aber etwas anderes wird dafür umso deutlicher. Die grafische Kunst von Chadebec ist präzise und kraftvoll, jedes Detail ist von der Qualität des ganzen Plakates durchdrungen. Die Originale sind attraktive Poster, denn sie sollen ja am Arbeitsplatz aufgehängt werden. Humorvoll und drastisch gleichermaßen bringen sie den jeweiligen Gefahrenaspekt auf den Punkt.

Und mit entsprechend sympathischer Didaktik arbeitet die Buchgestaltung: Man betrachtet die Plakate nicht bloß als designhistorisches Relikt, sondern würdigt die zeitungebunde Qualität. Eindringend in die Details kann man wie unter einer Lupe studieren, was ein Plakat zu einem Plakat macht.


BronzemedailleSchweiz

Eva Hesse / Barry Rosen
Eva Hesse – Diaries

Design: NORM, Zürich / Johannes Breyer, Berlin
Printer: DZA Druckerei zu Altenburg GmbH
Publisher: Hauser & Wirth Publishers / Yale University Press
ISBN: 978-0-300-18550-8


Aus dem Nachlass der Künstlerin Eva Hesse wurden die Tagebuchnotizen von 1955 bis 1970 veröffentlicht. Mit 900 Seiten hat sie, die Quellenerschließung, nur äußerIich die Ausmaße eines Klotzes.

In der Handhabung hingegen fühlt sich alles klar und leicht an. Warum? Zwei Fotografien gibt es in dem Band. Das Frontispiz zeigt ein Portrait der Künstlerin, die letzte bedruckte Seite ein Beispiel mit der Handschrift der originalen Tagebücher – mit Durchstreichungen, Ergänzungen und intuitiver Seitenraumausnutzung. Dies ist eine editorische Herausforderung und stellt massive satzgestalterische Ansprüche. Die gegenüberliegende Tabelle zeigt die Lösung. Die handschriftlichen Varietäten werden vor allem auf die Platzierung der Einträge eingeschränkt. Dafür stellen sieben gleichmäßige Einzüge einerseits genug Ordnung für gute Lesbarkeit her, andererseits erhalten sie in ausreichender Differenzierung den assoziativen Gehalt der Textplazierung im Original. Das Resultat der typografischen Transskription führt im Druck zu lebendigen Doppelseiten. Die moderne klassizistische Type in der Anmutung einer Zeitungs- und Schreibmaschinenschrift wurde auch in den sechziger Jahren geschätzt. Als Option von Unterstreichungen werden die Zeilen luftig durchschossen, bei selbstverständlichem Flattersatz und Beschränkung auf einen Schriftgrad. Großzügig werden die Jahrgänge voneinander getrennt. Dafür werden jeweils sechs Seiten zur Verfügung gestellt, die ersten vier davon ganzflächig schwarz. Auf dem matten, leicht gelblichen Papier lässt es sich ideal lesen. Nicht allein durch die Leichtigkeit des Papiers schmiegt sich der Band den Händen an – auch mit Hilfe des flexiblen und beschnittenen Einbandes, der dünnen Kartondecke mit feinmaschigem Gewebebezug.
Darum ist es ein geschmeidiger Band – in allen Aspekten dienlich.