GoldmedailleTschechien

Petr Jambor
Palimpsest

Design: Petr Jambor
Printer: Polygrafia, n.p.
Publisher: 4AM Fórum pro architekturu a média
ISBN


Ein antiquarisches Fundstück dokumentiert die Olympischen Spiele von 1980, vermutlich prächtig ausgestattet mit zahlreichen großformatigen Fotografien und eingeklinkten Details. Nur: Von der wetteifernden Sportlergemeinschaft ist nichts zu sehen. Ein völlig irritierendes Phantombuch, ursprünglich 1981 in Prag erschienen: weiße Blätter, hier und da fette schwarze Rahmen in suprematistischem Rhythmus auf der Doppelseite verteilt. Wo sind sie hin, die Goldmedaillenjäger? Verblasst wie mittelalterliche Tinte, ausradiert vom Zahn der Zeit, abgestellt in der imaginären Bibliothek des kollektiven Vergessens? Verdammte Erinnerung.

Es war die Olympiade in Moskau, die nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan boykottiert wurde – mit der Folge einer enormen Medaillenernte für die UdSSR und die DDR. In einem ätzenden Vorgang, der die Druckfarbe tilgt, wurden alle Bilder und Texte fein säuberlich bearbeitet. Sie hinterlassen lediglich eine Spur in der Oberflächentextur des nackt gewordenen Papiers, ähnlich wie der blanke Marmor antiker Skulpturen, die ehemals lebensecht farbig gefasst waren. Die radikale Bildtilgung nach Jahrzehnten ist ein künstlerischer Sabotageakt im Diskurs der Erinnerungskultur um die Deutungshoheit über Verklärung und Verdrängung. Als Tabula Rasa in wörtlichem Sinne steht nun dieses Medium Buch wieder bereit, mit einer neuen Version des historischen Ereignisses überschrieben zu werden. Doch ein symbolischer Bildrest blieb stehen: Der Armschwung eines kraulenden Schwimmers, den Mund zum letzten Atemschnapper aufgerissen, verwandelt sich in den Rettungsgriff vor der großen Welle des Vergessens.