SilbermedailleChina

Zhu Ying Chun & Huang Fu Shanshan
Bugs‘ Book

Design: Zhu Ying Chun & Huang Fu Shanshan
Printer: Shanghai Artron Art Co., Ltd.
Publisher: Guangxi Normal University Press
ISBN 978-7-5495-7209-0


Dieses fremdsprachige Werk leistet Pionierarbeit auf dem Feld der Morphologie. Es weist alle Merkmale wissenschaftlichen Vorgehens auf: »Half acre of land, five years of time, inviting one hundred species of bugs, collecting a thousand kinds of traces, finally, we have a book.« Morphologie ist die Methode, und zwar in einem doppelten Sinne. Zum einen im Biologischen: Mannigfache Spuren von Kerbtieren, Spinnen und Würmern werden durch plausible Bildbearbeitungen vielleicht zum ersten Male sichtbar gemacht; scheinbar wie von selbst entfalten sie enorme kalligrafische Qualitäten. Zum anderen im linguistischen Sinne: Die ästhetische Suggestion der Bildergebnisse ist so stark, dass die Spuren – wie souveräne Tuschezeichnungen, wie Abriebe prähistorischer Steinritzungen, wie selbstvergessene Klecksografien – als mysteriöse, fremdartige Schriftsprache erkannt werden.

Bilder werden zum Text, die Chiffren zu buchstäblicher Schrift. Als Konsequenz der maximalen Verschmelzung von Phänomen und Beobachtung bedient sich die didaktische Typografie der neu entdeckten, natürlichen, einzigartigen Schrifttype. Zum Verständnis in den Naturwissenschaften tragen wesentlich die sogenannten bildgebenden Verfahren bei. Aus Messergebnissen werden realistisch wirkende Bilder konstruiert, die eine abbildende Objektivität eher suggerieren. Sie täuschen darüber hinweg, dass es sich im Grunde um bedeutungsgebende Verfahren handelt. Genau diese Widersprüchlichkeit wird durch die vorliegende Spurensuche geradezu genial entlarvt.
Am Ende gelingt der künstlerischen Studie nichts Geringeres als die Verwirklichung einer philosophischen Metapher: Die Welt als ein sich selbst schreibendes Buch.


SilbermedailleNiederlande

Peter Dekens

(un)expected

Design: Rob van Hoesel
Printer: Wilco Art Books, Amersfoort
Publisher: The Eriskay Connection, Amsterdam
ISBN 978-94-92051-18-9


Menschenleere Fotos in schwarzweiß: Zweigeschossige Backsteinhäuserreihen. Heruntergelassene Rolläden. Mannshohe Gartenhecken. Wolkenverhangene Herbstnachmittage. Abendbeleuchtung. Man blättert durch die magazingroßen, textlosen, angeschnittenen Bilddoppelseiten immer wieder vor und zurück; die Motive wirken wie stumme Schlagzeilen. Man wartet auf ein Ereignis, stattdessen fühlt man sich allein gelassen in einer akkuraten und introvertierten Umgebung. Doch an fünf Orten wird es deutlicher, lebendiger – ist man versucht zu sagen.

Fünf im Format kleinere Binnenhefte sind in das große Schwarzweißheft eingebettet. Eine Folge von Farbseiten beginnt jeweils mit einer Titelseite: schwarze Fläche, weiße Vornamen in großer Schrift. Man schlägt auf, und die Titelwiederholung unterscheidet sich in einem Punkt: in der Markierung eines fehlenden Namens durch einen Auslassungspunkt – einen Schlusspunkt? Der Autor und Fotograf dieses traurigen, mutigen Projektes sucht das öffentliche Gespräch über die hohe Suizidrate in Westflandern – nicht durch eine abstrakte Studie, sondern durch den Blick auf fünf wahre Beziehungs- und Familiengeschichten. Der Betrachter erlebt diese Publikation wie eine filmische Reportage. Ihr gelingt es, in ganz konkreten Bildern die Trauer, das Andenken und die Rätselhaftigkeit zu formulieren, die die traumatisierten Angehörigen des verlorenen Menschen beschäftigen.

Frei von Pathos konfrontiert diese sensible Ortsbegehung mit einem Tabu. Sie gibt Anstöße, aufmerksam zu werden und wach zu bleiben, wenn Sprache verstummt und einsame Blicke sich bedenklich senken.