BronzemedailleNiederlande

Anna Achmatova/ Hans Boland
Avond

Design: Michael Snitker
Printer: Lenoirschuring
Publisher: Stiching De Ross


Die Schriftstellerin Anna Achmatova verlieh dem Silbernen Zeitalter in der russischen Literatur besonderen Glanz. Ihr erster Lyrikband von 1912 erscheint hier zum ersten Mal in einer niederländischen Übersetzung. Die Buchstaben des Titels stehen untereinander: majestätisch, plakativ, luftig. Aber der Buchkörper fällt nicht nur wegen dieser senkrechten Zeilen auf. Mehr noch ist es ein physisches Detail: die eleganten, weil außerordentlich knappen Kanten – so knapp, dass sogar aufs Kapitalband verzichtet werden muss. Die Zweisprachigkeit (russisch, niederländisch) und die Zweischriftlichkeit (kyrillisch, lateinisch) sind eine typografische Herausforderung. Der Buchgestalter lässt sich nicht auf tabellarische Logik ein, sondern trifft vorn, auf Rücken und Rückseite je eigene plausible Entscheidungen. Die Rückseite des Pappbandes wirkt eigentlich auch wie ein Titel: Ein fotografisches Porträt der Schriftstellerin, das man eher vorne oder als Frontispiz erwarten würde, sitzt in tiefgeprägter Fläche. Gedämpftes Rosa, abgedunkeltes Blau, wiederkehrend als Vorsatz und Trennseiten, sorgen für ein kühles, nobles Farbklima. Für die Grundatmosphäre ist das Inhaltspapier selbst verantwortlich. Bei weichem Licht schimmert es leicht silbrig, bei Bewegung zur Lichtquelle hin glänzen ganze Papierpartien. Die halbfette, klassizistische Grundschrift sorgt für festen Stand auch von kurzen Versen oder wenigen Strophen auf der Doppelseite. Das Ergebnis: eine editorische und buchkünstlerische Hommage an die russische Dichterin des Silbernen Zeitalters.

© Rolf Wöhrle


BronzemedailleSchweiz

Quinn Latimer und Adam Szymczyk
documenta 14: Daybook
Separate English, German and Greek editions

Design: Julia Born & Laurenz Brunner, Zürich
Publisher: Prestel, München
ISBN: 978-3-7913-5654-9


Ein Ausstellungsführer, Katalog, Begleitbuch, Reader zur documenta 14? Alles falsch. Das Daybook versteht sich als ein Hybrid, der freilich die vergangene Documenta dokumentiert, der aber mehr noch auf die zeitlose Gültigkeit der Kunst pocht. Jede Künstlerin, jeder Künstler ist im Buch mit einer Doppelseite vertreten, und das nicht nur mit einer Arbeit (oder mehr), sondern auch mit einem Datum, das für den Künstler besonders wichtig ist. Diese Daten sind es dann, die in ab- steigender Reihenfolge die Zuordnung der Künstler zu den Tagen des Kalendariums im Day book bestimmen, den 163 Tagen der Ausstellungslaufzeit. Die Motivik des Zeitgebundenen, Protokollarischen, ist offenkundig: die Kladde als Notizbuch für Tagesereignisse und Gedanken, das Kalendarium. Auf materieller Ebene: das dünne gräuliche Papier im Recyclinglook, ein Buchschoner als Schutzumschlag mit Einstecktaschen aus blauem Kunststoff. (Im Übrigen liegt das Daybook als Drilling vor: in Deutsch, Griechisch und Englisch.) Das Kalendarium fungiert zwar als der formale Taktgeber. Darüber hinaus verleiht ein persönliches, für den Künstler selbst bedeutendes Datum jenem Tag einen über die Zeit erhabenen Bezug. Die Essays wiederum stammen von jeweils anderen Autoren, die den Künstlern oder deren Werken nahe stehen. Man könnte sagen, dass Idee, Leitmotiv und Gestaltung im Falle dieses Buches Synonyme sind. So sehr verdichtet sich hier die herkömmliche Reihenfolge der Buchentstehung, dass sich über die Gestaltung allein kaum sprechen lässt.

© Rolf Wöhrle


BronzemedailleIsrael

Dan Ozeri
EFES:EFES

Design: Dan Ozeri
Printer: Old city print house, Jerusalem
Publisher: Self expenditure
BA thesis


Der schwarz-weiße Kartonumschlag ist in fetten Ivrit-Lettern plakativ betitelt: Efes:Efes (Null-zu-Null). Das Titelbild zeigt wolkige Kondensstreifen vor klarem Himmel, als Säule, als Bogen. Spuren von Freudenböllern? Von Raketen mit Sprengköpfen?
In diesem Fotoband treten Menschen auf, Menschenmengen. Männer. Israelis, Palästinenser. In schwarz-weiß oder farbig. Es sind Fundstücke aus der National Photo Collection des Staates Israel, möglicherweise Filterergebnisse der Begriffe Fußball, Militär, Anschläge. Diese Vermischung von Sportfreude und Todesangst erscheint verstörend und gewagt – willkürlich ausgewürfelt und spielerisch kombiniert.
Beispiele: Die auf einem Panzer thronende Besatzung reckt die Arme nach oben; auf einem benachbarten Bild ragen die Oberkörper von beflaggten Fußballfans seitlich aus den dekorierten Autos. Gesten des Freudengrußes, des Warnens, des Triumphes? – Oder: als Panoramabild ein Schnappschuss von Fußballern in Erwartung des Balles unmittelbar vor dem Tor; darübergelegt: ein vermummter Jugendlicher, zum Steinwurf ausholend. Brisante Formverwandtschaft vom Muster eines Palästinensertuches mit der Netzbespannung eines Fußballtores.
Immer wieder wird der Blick gestört, unterbrochen, umgelenkt. Der Autor/Gestalter konfrontiert den Betrachter mit einer Geschichte, die dieser in Worten vielleicht gar nicht hören möchte: ein widersprüchliches Spiel um Männlichkeit, Energie, Ehre, Wettkampf, Verteidigung. Ein Gesellschaftsspiel, das unentschieden steht, sogar Null-zu-Null.

© Rolf Wöhrle


BronzemedailleRussland

Narinskaya Annа
200 keystrokes per minute

Design: Igor Gurovich
Printer: August Borg
Publisher: Moscow Polytechnic Museum
ISBN: 9785989620418


Ein fadengehefteter, abgeleimter Buchblock liegt nackt auf dem Tisch: Das Druckwerk sieht aus wie ein unfertiges Buch, eher noch wie ein Manuskriptbündel – was der Gestaltungsaufgabe auch entspricht. Es ist der Katalog zu einer Ausstellung im Polytechnischen Museum Moskau: »200 Keystrokes per Minute. Typewriter and the 20th-Century Consciousness«.
Der Buchgestalter dirigiert die Texte auf rauem gelblich weißen Werkdruckpapier mit spaltenbreiten Einzügen innerhalb eines vierspaltigen Satz- und Bildspiegels. Die typografische Differenzierung ist sichergestellt, und mehr als drei Schriftgrade wären unnötig.
Es werden die Exponate, Schreibmaschinen aus mehreren Jahrzehnten, vorgestellt – schwarz-weiße Ansichten von oben, darunter jeweils die freigestellte Frontalansicht in blau-violetter Sonderfarbe. Ein weiterer Abschnitt ist einem wahrscheinlich schon vergessenen Verschleißmaterial gewidmet, den schwarzen oder blauen Kohlepapieren als Hilfsmittel der Vervielfältigung. Indem dieser Abfall archivarisch relevant wird, ahnt man etwas von dem unlesbaren Geheimnis dieser Blätter, denen man ihre einseitige Beanspruchung zwar ansieht, die ihre Texte aber wohl nie preisgeben werden.
Auf samtig-glattem, matten Bilderdruckpapier stehen brillante, feinst aufgelöste Detailaufnahmen der alten Schreibmaschinen – wie Blicke in einen Maschinenraum, sodass man sich fühlt, als säße man in einem Motor, der angetrieben wird von literarischer Energie und diese umwandelt in lesbare Formen.
Eine Ehrerbietung an die Schreibmaschine als Produktionsmittel russischer Literatur.

© Rolf Wöhrle


BronzemedailleSchweiz

Peter Bichsel und Silvan Lerch
Autonomie auf A4

Design: Atlas Studio (Martin Angereggen, Claudio Gasser, Jonas Wandeler)
Printer: Sprüngli Druck, Villmergen
Publisher: Limmat Verlag, Zürich
ISBN: 978-3-85791-833-9

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200 Flugis („Flugblätter der Zürcher Jugendbewegung Anfang der 1980er-Jahre“) in Originalgröße. Ausgetrickst: Der Karton als Vor- und Nachsatz – ohne echten Einband – wird einfach zu einem Scheinumschlag – ohne Rücken – umfunktioniert. Darauf haben sich die roten Titelzeilen (mit extra Prägestempel) tief eingedrückt. Der offene Rücken des fadengehefteten Buchblocks ist programmatisch. Nur zu erahnen (aber das genügt ja auch schon): Unter jedes faksimilierte Blatt ist eine weiße, DIN A4-große Fläche aufs weiße Naturpapier gedruckt, um a) die Dokumententreue zu wahren und b) nur einen Minimalkontrast einzubringen. Aufsätze von Zeitzeugen, Historikern und anderen Reflektoren sind in gleichmäßigen Abständen zwischen die 288 Seiten eingefügt. Sie (die Aufsätze) sind in einer halbfetten helvetica-artigen Schrifttype auf ein seltsames Papier gedruckt: Dieses ist leicht grauwolkig (vermutlich ab Werk, denn ein Druckraster ist beim besten Willen nicht zu erkennen), hat einen etwas metallischeren Klang, es mildert die Sterilität der Textseiten (im Vergleich zum flirrenden Schwarz-Weiß-Spiel der Flugis); Besonders aber zeichnet es sich bei geschlossenem Buch deutlich auf den Schnittflächen ab. Zitate in monumentalem Schriftgrad geben immer wieder Gelegenheit zum Luftholen: „Nach Gebrauch verbrannten wir die Matrizen, um Beweisspuren zu verwischen“. „Ich wehre mich dagegen, einem Stil zugeordnet zu werden“. „Geld aus Moskau hatten wir keines“. Was diese Buchgestaltung besonders raffiniert übersetzt: die Komplexität eines simplen Flugblattes.

© Rolf Wöhrle