EhrendiplomSchweiz

Shirana Shahbazi
First things first

Design: NORM, Zürich
Photographs: Shirana Shahbazi
Printer: DZA Druckerei zu Altenburg
Publisher: SternbergPress*, Berlin
ISBN: 978-3-95679-324-0

_
Fuchsienfarbenes Buchleinen umzieht die Buchdecke des großen, schmalen Bandes. In eine tief geprägte Fläche ist ein tiefrotes Stück Kunstleder eingelassen – ein Bildschild, könnte man sagen, das die weißgeprägten Titelbuchstaben beschneidet. Der Einband beherbergt eine einzige Heftlage: Mit 4 Seiten blauen Papiers als integriertes Vor- satz, 8 Seiten Begleittext auf leichtem Naturpapier, 16 Seiten Bildtafeln auf dünnem Offsetkarton. Die Stege der Textseiten, das heißt, der weiße Papierrahmen ringsum bis zum Blattrand, bilden auch den Rahmen für die Arrangements der Bildseiten. Für die Bestimmung von Bildgröße und Bildposition gibt es – ohne Gestaltungsraster – nur zwei Regeln: Jede Fotografie berührt den imaginären Außenrahmen und ist nach ästhetischen Kriterien auf ihre Nachbarn bezogen. Jedes einzelne Bild ist also diffizil auf dem Papier austariert, tritt in formale Dialoge, und alle wiederum halten sich gegenseitig auf Abstand. Die sehr unterschiedlichen, gar gegensätzlichen Bildstile finden zu ungleichen Paaren oder Gruppen zusammen. Auf faszinierende Weise gelingt es jedem Bild, beim Nachbarn die Wahrnehmung auf verborgene Aspekte zu lenken. Jedes Bild wird quasi zum Lehrer seines Gegenübers (oder Untereinanders). Das Sammelsurium, das den ersten Blick verstört, wenn er der Einzige bleibt, ist gar keines, denn jeder weitere Blick vermehrt die visuellen Analogien, generiert Bedeutungen. Die Publikation dient nicht bloß als Katalog zur gleichnamigen Ausstellung. Sie ist ein eigenständiges Werk mit eigener Kraftentfaltung.

© Rolf Wöhrle


EhrendiplomNiederlande

Louwrien Wijers, Lidweji Edelkoort, Laura M. Richard, Marietta de Vries, Pietje Tegenbosch
Claudy Jongstra

Design: Irma Boom
Printer: Tienkamp, Groningen
Publisher: nai010 publishers
ISBN: 978-94-6208-360-8

_
Eine Rückendrahtheftung durchsticht den mächtigen Stoß von 180 Blättern. Irgendwie wirkt er unfertig. Weil er nicht beschnitten ist, springen unten die Kanten des matten Dünndruckpapiers hin und her, vorne schießen die inneren Seiten um das halbe Maß der Heftstärke nach vorn, und oben sind die Falzbögen geschlossen. Versalien des Namens der Künstlerin bedecken die Außenseiten. Über gestürzte Zeilen wurden andersfarbige senkrechte Zeilen gedruckt. Buchstaben drehen und überlagern sich. Alle möglichen Richtungs- und Farbkombinationen treten auf. Am Rand stehen kleine Quadrate, und in kleiner Schrift die Farbnamen, wie sie in den drucktechnischen Kontrollzeilen stehen, die der Buchbinder ja normalerweise abschneidet. Dass sich das Ganze im Innern außergewöhnlich fortsetzen wird, ver sprechen die vier Farben: Indigoblau, Krapprot, Kamillegelb und schwarzer Indigo. Die holländische Künstlerin erschafft großdimensionale Textilbilder. Ihre Arbeit beginnt bei den eigenen Schafen. In ihrem Garten baut sie Pflanzen an, um Farbstoffe zu extrahieren. Dieser Foliant zeigt am Ende auf nur vier Seiten das Werkverzeichnis, während man im Buch zum Begleiter eines alchemistischen Prozesses wird. Fotografien führen durch den Garten, zeigen Blütenstände, die Helfer bei der Ernte, Färbevorgänge, Wollfarbproben. Und immer wieder stehen unter den Farbabbildungen in didaktischer Absicht Miniaturen der dazugehörigen Farbauszüge – in den für den Vierfarbprozess eigenartigen Farben Indigo, Krapp und Kamille. Sogar die Farben werden vertauscht. Das buchgestalterische Werk stellt sich als Metapher für die Erkundung unbekannter Zwischentöne zur Verfügung. So nah begegnen sich künstlerische Medien selten.

© Rolf Wöhrle


EhrendiplomChina

Lu Yu (Tang Dynasty) and others
Tea Canon

Design: Pan Yanrong
Printer: Nanjing Amity Printing Co. Ltd.
Publisher: The Commercial Press
ISBN: 978-7-1001-3955-7

_

Weich, schmiegsam, schwer, wie ein Konzentrat der Teekultur Chinas fühlt sich dieser Band an. Die Eigenfarbe des rauen Umschlagkartons changiert zwischen bräunlich, grünlich, beige – es mag der Schattenwirkung im Mikrorelief der Strukturprägung geschuldet sein. Das kaschierte Vor- und Nachsatz unterstützt die Zähigkeit des Umschlages, der hier erstaunlicherweise einen runden Rücken ausbildet, während der Block gerade bleibt.
Die acht historischen Bücher aus der kaiserlichen Bibliothek werden auf hauchdünnem gelblich weißen Papier präsentiert. Die senkrecht geführten Schriftzeichen stehen in einem traditionellen roten Liniengitter, das auf den Trennseiten modern interpretiert wird: Schwarze Haarlinien gliedern die Bildlegende auf eine Weise, dass sich interessante Papierweißräume ergeben. Diese Trennseiten bestehen aus einem besonderen Chinapapier, ganz fein gerippt, das auf Berührung fast so reagiert wie ein Stoff. Und so tragen diese Blätter auch solche Bilder – hier freilich als hoch aufgelöste Reproduktionen –, für die das Xuan-Papier gemacht ist: kalligrafische Arbeiten und Tuschemalerei. Deren raffinierte Faltung mit einer verkürzten Seite und zwei nach vorn geschlossenen Blättern macht es beim Betrachten der Bilder erforderlich, mit den Händen mehr zu arbeiten als beim gewöhnlichen Umblättern. Das verlangsamt die Beschäftigung mit dem Werk – und erhöht den Genuss.
Der matte Goldschnitt ringsum steigert die Aura des Buchschmuckstückes: Es erscheint, wie durch rituellen Gebrauch mit einer samtglänzenden Patina veredelt.

© Rolf Wöhrle


EhrendiplomVenezuela

Mathieu Asselin
Monsanto: A Photographic Investigation

Design: Ricardo Báez
Printer: Druckerei Kettler, Germany
Publisher: Verlag Kettler (English), Actes Sud (Français)
ISBN 978-3-86206-657-5, 978-2-330-07805-8


Der Titel macht skeptisch. Weist das ® hinter dem Markennamen auf eine bestellte Firmendarstellung hin? Oder ist es Unheilabwehr von permanent lauernden juristischen Gefahren?
Extrem dicke, geradezu überzüchtete Graupappen machen das Buch zu einer Art Super-Steifbroschur. Ein harmlos gestalteter Einband erweist sich als Sinnbild: Auf dem puren, frischen, weltbeglückenden Grün prangt das orangefarbene Titelschild nicht nur wie ein Signal – es trägt eine ausdrückliche Warnung: »The following book contains pictures that may be disturbing to some viewers«.
Dokumentarische Porträts von Menschen, sachliche Ansichten einer Geisterstadt. Kontaminierte Häuser, vergiftetes Gelände, genetische Missbildungen, Krankheit und Tod. Polychlorierte Biphenyle, Agent Orange, Round-up. In vier Kapiteln geht die fotografische Spurensuche den Zusammenhängen nach. Zwischendrin immer wieder Zeitungsartikel, aus den Miniaturen des Mikrofilms rearchiviert. Und Vakatseiten, viele unbedruckte Seiten, Leerstellen des Verschweigens, Platzhalter des Ungeklärten.
Die Klammer des Ganzen bilden faksimilierte und eingeklebte Dokumente. Vorne, noch bevor die ersten Fotografien zu sehen sind, blättert man durch ein eigenständiges, geklammertes Heft mit Reprints von Monsanto®-Werbeanzeigen aus drei Jahrzehnten. Hinten kontrastiert dazu das Formular einer Einverständniserklärung für den Getreidebauer.
Dieses Buchkonzept verwandelt die Verheißung einer baldigen heilen Welt, erzwungen durch die Ausweglosigkeit des Kleingedruckten, durch den Blick auf die Realität in Heuchelei.

© Rolf Wöhrle


EhrendiplomVenezuela

II Concurso Nacional de Poesía Joven Rafael Cadenas

Prolog: Luis Enrique Belmonte
Design: Juan Fernando Mercerón. Giorelis Niño (Assistent)
Printer: Gráficas ACEA C.A.
Publisher: AutoresVzlanos, Team Poetero Ediciones, Libros del Fuego (Editorial Production)
ISBN: 978-980-12-9804-5


Der Umschlag lockt mit einer intensiv lachsfarbenen Fläche. Darauf stehen die Titelzeilen kompakt in tintenblauer Farbe. Der sonst lästige Barcode schmückt hier als Linienbalken den Rücken, nach vorn und hinten überlaufend. Die Umschlaginnenseite zeigt ein angeschnittenes Portrait des Schriftstellers Rafael Cadenas, dessen Auge über die Beiträge zum Nationalwettbewerb junger Poesie in Venezuela zu wachen scheint.
Die Gedichte von 26 Individualisten sind auch in ihren Formen individuell – in Verslängen, Gliederungen, Besonderheiten im Satz: Formsatz, Kursivierung, Einzüge, außergewöhnliche Wortabstände. Das macht es für den Gestalter kniffelig.
Er stellt den Wettbewerbsnamen als Vignette, zusammen mit einer Doppelseitenzählung, links oben auf die linken Seiten – dies definiert die Doppelseite als freie Bühne. Besonders aufmerksam wählt er die Schrifttype, die in diesem Heft überhaupt zum ersten Mal zum Einsatz kommt. Die Serifen sind in Erinnerung an den Fluss eines Federkiels gestaltet, im Grauwert ist die Struktur einer Antiqua lebendig – und ihr Fett-Fein-Duktus ist den Wildwestversionen des Egyptienne-Typus entliehen. Auffällig ist dies bei den runden Minuskeln, aber noch prägnanter in den fetten Versalien, indem sich die Schattenstriche in die Horizontale legen.
Schreiben, Buchdruck, Lateinamerika – bescheiden und selbstbewusst zugleich sind diese Merkmale der Schrift eingehaucht. Der Buchgestalter verzaubert die Wettbewerbsdokumentation in ein Dokument grafischer Poesie.

© Rolf Wöhrle