BronzemedailleTschechien

Anna Pravdová
Bonjour, Monsieur, Gauguin

Design: 20YY Designers (Petr Bosák, Robert Jansa, Adam Macháček)
Printer: H.R.G., Litomyšl
Publisher: Národní galerie v Praze (National Gallery Prague)
ISBN: 978-80-7035-659-3

Mit starken Kontrasten erzielen mattweiß und glänzend schwarz geprägte, mächtige Versallettern einen plakativen Einband. Wort für Wort stapelt sich der Buchtitel in kompressen Zeilen dreifach übereinander. Klobig gekantete Buchstabenkonturen erhalten durch kleine punktförmige Punzen ornamentale Akzente. Dahinter breitet sich auf der ganzen Buchdecke die herbe bretonische Küstenlandschaft in einem historischen Schwarzweißfoto aus: Der Ausstellungskatalog über tschechische Künstler in der Bretagne 1850–1950 dokumentiert die kulturellen Verbindungen zwischen Ost- und Westeuropa. Innen stimmt eine Seitenfolge historischer Fotografien – Landschaft, Hafen, Menschen – auf erdig braunem Papier auf den Inhalt ein. Gleichartige Teile in der Buchmitte und zum Ausklang halten diese Atmosphäre aufrecht. Ungewöhnlicherweise stehen die Aufsatztexte nur auf rechten Seiten, auch nur diese sind paginiert. Die Bildseiten – wohlgeordnet und abwechslungsreich zugleich – gewähren Orientierung durch die Abbildungsnummerierung. Um im Text die Bildverweise von den Anmerkungsnummern zu unterscheiden, werden sie in einen versalhohen, haarlinienfeinen Rahmen gestellt: Das fallt auf, ohne ins Auge zu stechen. Das Blockhafte kommt auch durch die sorgfältig knappe Stehkante der buchbinderischen Verarbeitung zum Ausdruck. Dann wird auch klar, dass das Fehlen des Kapitalbändchens kein Versäumnis ist, sondern eine gestalterische Entscheidung, um das Blockige des geraden Ruckens nicht abzumildern.


BronzemedailleSchweden

Ola Rindal
Paris

Design: Sandberg&Tim
Printer: Göteborgstryckeriet, Mölndalonen
Publisher: Livraison Books, Stockholm
ISBN: 9789198022582

Falls die Augen sich einmal, von den Attraktionen einer mondänen Metropole überfüllt, mit einem Blick zur Seite erholen mochten, geraten unverhoffte Themen in den Sog der Aufmerksamkeit. So scheint es dem norwegischen Fotografen Ola Rindal in seiner Wahlheimatstadt Paris ergangen zu sein, als er, etabliert in der Mode- und Magazinwelt und somit anfällig für die schönen Dinge des Lebens, nach und nach seine Linse auch für die Straßenränder öffnete. Was ihn dort, in den Niederungen des öffentlichen Raumes, beschäftigt, vielleicht auch bedrückt oder manchmal fasziniert –
ein seltsam geformtes Stück Stoff, ein kauernder Mensch auf der Parkbank, die Schaumspur des auf den Gehsteig geschütteten Waschwassers –, all das bündelt er in einem großformatigen Bildband. Auf kräftigem matten Papier, fast schon Karton, stehen die doppelseitigen Fotografien, in hochfeiner
Auflösung gedruckt, allseits von einem schmalen Papierrand gerahmt. Die Hochformate laufen einseitig bis in den Bund und stehen einer freien Seite gegenüber. Diese irritierenden, ernüchternden und gleichermaßen poetischen Momente verschaffen dem Fotografen ebenso wie dem Betrachter einen Realitätsgewinn. Die Abwesenheit des Glamourösen erscheint dafür als Bedingung, die Alltäglichkeit wie auch die Ästhetik des Banalen anzuerkennen; das heißt, das, was ist und was uns umgibt, frei von den Retuschen irgendeines Lifestyles zu würdigen. Auch so entsteht eine Bekenntnis an die Stadt der Liebe, besiegelt mit der französischen Trikolore als Zeichenband.


BronzemedailleNiederlande

Anaïs López
The Migrant

Design: Teun van der Heijden
Printer: Robstolk®, Amsterdam
Publisher: self-published
ISBN: 9789082076127

Ein visueller Lockruf: die zauberhafte goldene Prägung einer Vogelsilhouette auf dem curryfarbenen Gewebeeinband. Im Buch verfolgt man die Migrationsgeschichte eines Starenvogels. Zur Erläuterung liegt ein kleines Heft zwischen dem Vorsatzpapier. Der Javanische Mynah ist eigentlich ein talentierter Singvogel, der sogar die menschliche Stimme imitieren kann; einst geschätzt und nach Europa und Singapur wegen seiner Sangeskünste importiert, krächzt er dort nur noch, um akustisch durch das urbane Rauschen dringen zu können. Nach und nach wird er geschmäht, verjagt, verfolgt und attackiert.
Die Fotografin Anaïs López konstruiert aus diesen Zusammenhängen ein Einzelschicksal – als Allegorie für die globale Aktualität gesellschaftlicher Migration: In einer grafisch schillernden Bildererzählung wechselt sie von Streetphotography zu Comicpanels, von dokumentarischen Zeitungsseiten zu poetischen Siebdrucken, goldglänzend auf dunkelolivgrünem Papier. In Myanmar findet Mynah schließlich eine neue Heimat und eine heilige Aufgabe: als Bote zwischen Mensch und Himmel. Auf den letzten, gelben Buchseiten schaut man Schritt für Schritt dem religiösen Ritual zu, wie der Vogel mit den persönlichen Wünschen des Gläubigen aus dessen Hand in die Lüfte steigt. Und tatsächlich: Ganz zum Schluss – das fliegende Blatt des Nachsatzpapiers umblätternd – entfaltet sich eine filigran ausgeschnittene Pop-up-Figur dreier Stare, die zum Flug ansetzen. Ein politisches Buch?


BronzemedailleDeutschland

Katharina Schwarz in co-operation with Ellen von den Driesch
Nichtsein

Design: Katharina Schwarz
Printer: Magentur Gesellschaft für Kommunikation und Medien mbH, Buch- und Offsetdruckerei H. Heenemann GmbH & Co. KG, Berlin
Publisher: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, UDK Berlin

Was auf dem Umschlag wie eine scharfkantige Weis-Prägung wirkt, sind aber tatsächlich ausgeschnittene Streifen. An den Stellen, wo er nicht perfekt auf dem Vorsatzpapier klebt, werfen die Kartonstege Schatten. Innen stößt man bald auf eine lange Seitenfolge, deren Blätter in regelmäßigen Reihen nahezu flachendeckend durchlöchert wurden. Dies ist das erste von vielen Diagrammen in dieser Studie über Suizid.
Die Diagramme sind textlich und grafisch extrem reduziert, scheinbar einfach. Die Stichwörter sind auf dem sehr festen, warm-hellgrauen Papier zweifarbig gedruckt, schwarz und weiß (das Weiß zweimal, um die nötige Deckung zu erreichen). Die statistischen Werte selbst werden mit einem Laserstrahl eingetragen. Die Grafen, Linienbalken und Polygone der Netzdiagramme fallen aus dem Papier und zeichnen sich als Leerstellen ab, als Luft, als Abwesenheit. Besagte Lochreihen stehen für die „Anzahl der Suizidfalle nach Altersgruppen 2015, Deutschland“. Wenn grafische
Mittel so eingesetzt werden, dann visualisieren auch nüchterne Statistiken starke Emotionen. Ein schönes Buch? Ein ergreifendes. Man schluckt mehr als einmal.


BronzemedailleUkraine

Art Studio Agrafka (Romana Romanyshyn, Andrii Lesiv)
Я так бачу [This Is How I See]

Design: Art Studio Agrafka (Romana Romanyshyn, Andrii Lesiv)
Printer: Unisoft, Kharkiv
Publisher: Видавництво Старого Лева (Old Lion Publishing)
ISBN: 978-617-679-480-6

Dieses Kinderbuch erzählt von den Seherlebnissen eines Mädchens im Glockenrock. Sie ist angewiesen auf ihre neue große Brille. Eine Eule, das Maskottchen des Durchblicks, begleitet sie auf ihren Erkundungsgängen. Auf einer der beeindruckendsten Doppelseiten schieben sich viele Tiersilhouetten – darunter Ziege, Chamäleon, Haifisch, Amsel – zu einer Art Kuschelpuzzle ineinander. Links oben auf der papierweisgrundigen Seite leuchtet die Sonne: aha, Tag. Rechts gegenüber scheint schwach die Mondsichel über der ganzseitigen mattblauen Flache. Gelbe Punkte, groß, klein, meist paarig leuchten wie Augen aus dem Nachtblau heraus. Genau – es sind die Augen der linksseitigen Tierchen, die in derselben Position verharren. Das Mädchen stellt fest: Es gibt Augen, die besser sehen als meine. Sogar im Dunkeln.
An anderen Stellen wird es didaktisch, wenn beispielsweise das Sehfeld von Biene, Eule, Pferd, Katze und Hund verglichen wird. Oder sogar die Braille Schrift, die hier zwar nicht zu ertasten ist, aber mit signalroten Punkten durchbuchstabiert wird. Das Buch beeindruckt durch den grafischen, piktogrammartigen Bildstil. Die drei flächenbetont eingesetzten Sonderfarben – Varianten der Grundfarben Blau, Rot und Gelb – behalten ihr dominantes Eigenleben. Hier und da kommt es zu einem Übereinanderdruck, passgenau oder mit Flächenüberschneidungen; es macht einfach Freude, die ganze Formenvielfalt zu betrachten.