Ehrendiplom Österreich

Hannes Schüpbach
Cesare Ferronato – The Anatomy of Stone

Design: Raphael Drechsel
Printer: Holzhausen Druck, Wolkersdorf
Publisher: Verlag für moderne Kunst, Vienna
ISBN: 978-3-903153-46-2

Katalog, Biografie, Interviewsammlung? In diesem Buch entfaltet sich das Werk des schweizerischen Bildhauers Cesare Ferronato auf besondere Weise: Gespräche zwischen Ferronato und dem jüngeren Hannes Schüpbach, ebenfalls Künstler, eröffnen die Möglichkeit, an der Gedanken- und Formwelt des Künstlers teilzuhaben.
Zwar hat das Buch auch Bildschwerpunkte über die Skulpturen und Plastiken selbst, das System von Text-Bild-Verschränkung zieht sich dennoch durch. In einem zweispaltigen Satzspiegel sind die Sprecher auf zwei Satzbreiten pro Spalte verteilt, um das Dialogische visuell zu manifestieren. Der hohe Kopfsteg nimmt die unregelmäßig anfallenden Anmerkungen auf, nämlich in vier Spalten, von denen die äußere für die Seitenzahl reserviert ist. Deren prominenter Schriftgrad ist vielleicht funktional fragwürdig – aber was heißt schon funktional? Alle Textsorten machen untereinander deutliche Sprünge in der Schriftgröße. Die Weißräume auf den Seiten – ob bewusst oder intuitiv freigeräumt, oder weil sie sich einfach so ergeben – wirken, als wären sie aus deutlich skalierten Parzellen zusammengefügt. Bei diesen freien Bild-Text-Kompositionen kommt der übergroßen Pagina sehr wohl eine Funktion zu: nämlich die eines stabilisierenden Taktgebers. Für Puristen wäre sie vielleicht Anstoß erregend, aber manchmal geht es um Fülle. Der Gewebeeinband – eine haptische Verlockung von griffigem Gewebe und glattem Bildpapier – wirkt aufsehenerregend durch das in vertiefter Fläche eingelassene Bild eines Torsos, weil der Umriss der künstlerisch definierten Form amorph erscheint.


EhrendiplomPolen

Anna Królica
Nienasycenie spojrzenia / Insatiability of the Gaze

Design: Ryszard Bienert
Printer: Drukarnia ARGRAF, Warsaw
Publisher: Centrum Sztuki Mościce, Tarnów / Instytut Muzyki i Tańca, Warsaw
ISBN: 978-83-927508-5-7 (Center), 978-83-941622-8-3 (Institute)

Fachaufsätze zu Tanz und Fotografie versammeln sich im ersten Teil, ein Bildatlas der Tanzfotografie in Polen bildet die zweite Hälfte der stattlichen Schweizer Broschur. Die Klappeninnenseite des Umschlages eröffnet den Band mit dem Bild einer Tänzerin, die Bewegungsunscharfe umhüllt ihre Gesten wie ein Schleier, phasenverschobene Mehrfachbelichtung bannt den zeitlichen Ablauf in ein einziges Bild.
Der Rücken des Buchblocks ist schwarz gefälzelt, der plan liegende Rucken des Umschlages weiß ausgespart. Inhaltsverzeichnis auf verkürzter Seite, darunter hervorstehend ein graues strukturiertes Papier zum Kapitelanfang, dieses seinerseits verkürzt, und darunter sichtbar – nunmehr auf voller
Formatbreite – eine Schmuckseite mit Liniengitter. Die Aufsatztitel stehen in ultraleichten Groteskversalien, deren ohnehin schon schmaler Schriftschnitt um mehrere hundert Prozent in der Höhe verschlankt wird. So verwandeln sich die Grapheme eines Wortes in grazile, lineare Raumabtastungen. Im Weiteren wechseln die Papiermaterialien zwischen weiß matt und seidenglänzend, den grauen Papieren und wiederum verkürzten Seitenfolgen. In ungewöhnlichem Satzspiegel wird die auf Mitte gesetzte Hauptspalte beiderseits von senkrechten Linien begleitet. Durch diese brechen sich ganze Absätze zur Seite: Sie tanzen aus der Reihe. Im Bildteil stehen die Fotografien so spannungsvoll auf den Seiten, dass sie die Dynamik der choreografischen Darstellungen potenzieren.


EhrendiplomRussland

Tatyana Goryacheva, Ruth Addison, Ekaterina Allenova
El Lissitzky

Design: Evgeny Korneev
Printer: August Borg, Moscow
Publisher: Tretyakov Gallery, Jewish Museum and Tolerance Center, Artguide Editions
ISBN: 978-5905110-89-4

Durch fingerbreit überstehende Kanten mutieren die aufgesetzten Deckel zu Flügeln eines konstruktivistischen Klappobjekts. Hochkant aufgestellt halten sie den quadratischen Buchblock in der Schwebe. El Lissitzky – dieser knappe Titel wird auf der weißen, glänzend kaschierten Deckelpappe zum typografischen Bild, das „E“ oben bündig mit dem roten Rückenfälzel, das l“ an der oberen Kante angeschnitten, und die Schriftlinie von Lissitzky bündig mit der unteren Kante des inneren Buchblocks. Das Typische der schreibmaschinenmäßigen Festbreitenschrift – der lineare Duktus, die extra fetten i-Punkte, der spezielle Schwung des kleinen „t“ – spielt auf elementare Gestaltungsprinzipien der russischen Avantgarde der 1920er Jahre an.
Im Inneren des Ausstellungskataloges bauen sechs Spalten das typografische Gerüst der Doppelseiten. Jede zweite nimmt den Haupttext auf, dazwischen stehen Anmerkungen oder Bilder mit Legenden. Die Schriftmischung legt es auf Kontraste an, eine breitlaufende Grotesk, für die Auszeichnungen eine feine Kursive mit sh-, st- und ct-Ligaturen und für die Kapitelüberschriften besagte Festbreitenschrift. Bemerkenswert kompakt wurde der Blocksatz in den schmalen Spalten gesetzt; er wirkt weniger löchrig als es mit dieser breiten Schrift zu erwarten wäre. Die weißen Aussparungen auf dem vorderen Farbschnitt markieren die Kapitel, nämlich so, dass nur die betreffenden Seiten an ihren Papierkanten geschwärzt sind. Wie sich ein solch kniffeliger Farbschnitt technisch bewerkstelligen lässt, bleibt rätselhaft.


EhrendiplomJapan

Kentarou Tanaka
The First

Design: Hideyuki Saito
Printer: i Word
Publisher: Bonpoint Japon

Das macht normalerweise kein Verlagsmarketingmensch mit: Buchtitel, Autorennamen und Verlagssignet so richtig klein gesetzt, dann noch in der unteren Hälfte des Deckels platziert und obendrein mit Silberfolie geprägt – wenn nun das Licht noch ungünstig auftrifft, wird der Titel gänzlich unsichtbar. Bezaubernd, wie Dutzende Tiere, Pflanzen, Häuser und sonst noch was den Einband füllen. Die Zeichnungen wurden in zwei Sonderfarben auf das rosafarbene Bezugsmaterial gedruckt. Die roten Konturen sind nicht einfach drumherum gezeichnet, sie ergeben sich, indem der Künstler eine Flache mit markanter Binnenstruktur auf die vorgemalten Flächen zeichnet und eine lebhafte Umrandung stehen lässt.
Die ersten vollfarbigen Seiten zeigen bunte Vögel. Dann folgen zahlreiche Linienzeichnungen. Allmählich nimmt die Verlockung überhand, Farbstifte zu zucken und zu testen, wie sich die Figuren in eigener Farbigkeit ausmachen. Dieses Kinderbuch darf als Ausmalbuch gelten – muss es nicht unbedingt – bietet sich aber an – doch die Seiten sind zu schön, um darüber zu malen … Noch einmal zur Ausstattung: Dank der feinen Strukturprägung des Einbandpapieres, den matten, robusten Inhaltspapieren und dem extra schmalen Lesebändchen kann die Kinderhand haptische Eindrucke sammeln, und merkt, dass die materielle Welt Widerstand bietet und sich etwas bewegt, wenn man selbst Hand anlegt – um beispielsweise beim Seitenumblättern nicht schon mit der ersten Wischgeste zu scheitern.


EhrendiplomChina

Pan Wenlong, Gong Wei (photographer)
Old Trades of Jiangsu: A Glimpse

Design: Zhou Chen
Printer: Shanghai Artron Art (Group) Co., Ltd.
Publisher: Jiangsu Phoenix Education Publishing, Ltd
ISBN: 9787549973248

Jiangsu ist heute, mit 11 Millionenstädten, eine der wirtschaftlich stärksten und reichsten Provinzen Chinas. Was für ein Kontrast zu diesem Buch, das 90 handwerkliche Gewerbezweige aus vor- und frühindustriellen Zeiten vorstellt.
Ein dicker Stapel graubraunen Papiers, ringsum an allen Seiten aufgeraut, wird links mittels einer rudimentären Blockbindung zusammengehalten. Die Enden der Schnüre – ebenfalls aus grobem Papier – sind wie getrocknete Blüten flachgedruckt. Das Ganze fasst sich an wie ein biegsames Kissen. Schwarzweisfotografien auf dem Packpapier, Farbfotos auf hauchdünnen, gelblichweißen Büttenpapieren mit Ausklappseiten, im Format leicht verkleinert, zeigen Menschen in ihren Gewerken. Die Bilder im Zusammenspiel mit perfektem Druck und haptischem Papierwechsel gewähren Einblicke in fast untergegangen geglaubte Zivilisationstechniken. Es ist ein romantische Blick, auch wenn dieser Begriff dem Fernen Osten zunächst fremd ist. Zumindest ein gewisser schwärmerischer Stolz huldigt dem Handwerklichen, dessen Verfeinerung, Qualität und Geschäftstüchtigkeit als Bezugspunkte für die heutige Prosperität jener chinesischen Provinz gemeint sein könnten. In das braune Packpapier werden normalerweise Lebensmittel eingeschlagen; in diesem Buch wird es als Trägermaterial für die Darstellung der Kunstfertigkeit alter Gewerbe eingesetzt – eine subtile Erinnerung daran, wie erfüllend es sein kann, aus sinnvoller Tätigkeit und der eigenen Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt zu schöpfen.