Yitong Feng
HEIM-WEG-FREMD-WEG
Begründung der Jury
Yitong Fengs autobiografische Graphic Novel nimmt uns mit auf einen Weg des Ankommens und Fremdfühlens: zwischen Xi’an, ihrer chinesischen Heimatstadt, und Berlin, dem neuen Lebensmittelpunkt zum Studieren und Arbeiten.
Vollflächige, satte Illustrationen fangen eindrückliche Momente ein. Lichtstimmungen, Straßenszenen und intime Innenräume erscheinen atmosphärisch dicht und greifbar: die heimische Zimmerdecke nach einem lebhaften Traum, der Markt, die deutsche Käsetheke, Blumen als fotografischer Gruß in die Heimat oder der Tofustand in Xi’an. Kleine Kommentare auf Englisch und Chinesisch begleiten diese Beobachtungen.
Demgegenüber stehen tagebuchartige Episoden in Kombination mit einfarbig blauen Strichzeichnungen, die konkrete Anekdoten, Sorgen oder Herausforderungen karikieren. Auch die deutsche Sprache schleicht sich nach und nach in die Publikation ein: zunächst in Form illustrierter Vokabeln, als „der, die, das“-Chaos im Kopf und schließlich auch als eigene Ausdrucksform neben Chinesisch und Englisch.
Der wachsige Duktus der Kreidezeichnungen wird durch die Papierwahl zusätzlich verstärkt, Flächen mit viel Farbauftrag wirken glatter, während die Passagen mit den Strichzeichnungen wegen des geringeren Farbauftrags matter wirken. Ein kleines eingelegtes Risoheft in der Mitte des Buches eröffnet eine zusätzliche emotionale Erzählebene. Acht Kapitel strukturieren die fragmentarischen Erzählungen und bringen immer wieder neue spannungsvolle Elemente hervor. Mal taucht die Illustration eines Handychats auf, mal die gescannte Kante eines ausgerissenen Collegeblocks.
Auch Vorder- und Rückseite des Buchkörpers visualisieren das Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Welten, verbunden und zugleich getrennt durch einen Flug, der sich über den Buchrücken abbildet. So entsteht eine vielschichtige, persönliche Geschichte, die für die Leserschaft spürbar wird und die es fortzusetzen gilt: FREMD-WEG-HEIM-WEG.


