Die Preisverleihung
Im feierlichen Rahmen der Preisverleihung am Freitagabend (5. September 2025) im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main übergaben Birte Kreft, Geschäftsführerin der Stiftung Buchkunst, und Dr. Joachim Unseld, Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt und Vorstandsvorsitzender der Stiftung, den Preis.
Eine fünfköpfige Jury wählte das ausgezeichnete Buch aus den 25 »Schönsten Deutschen Büchern«, die im Juni aus rund 600 Einsendungen hervorgegangen waren.
»Ein Buch voller Wucht und Würde, das durch eine eindringliche, respektvolle und mutige Annäherung an ein schreckliches Thema überzeugt. Das Eintauchen in eine so schwierige Thematik, die durch die feinfühlige Buchgestaltung überraschend zugänglich wird, gelingt bereits über das gazebezogene, reduzierte Cover. Hier entfaltet das mittig gesetzte und geprägte Wort Buchenwald eine starke Präsenz, während die spürbare Textur den Schatten der Bäume Dreidimensionalität verleiht.«
Die Jury zum Fotoband Buchenwald
»Das Äußere eines Buches ist weit mehr als nur Hülle: Es ist kurz gesagt die wichtige herstellerische Herausforderung und im besten Fall die perfekte Entsprechung des Inneren. Es ist, wenn man so will, eine Neubestimmung des Inhalts. Erst im Zusammenspiel der speziellen Themen und literarischen Nischen, innovativer und kreativer – manchmal auch experimenteller – Inhalte, mit der Sorgfalt, mit der das Buch hergestellt wird, entfaltet sich seine Einzigartigkeit. In seiner Materialität, handwerklich perfekt und sorgfältig gestaltet, spiegelt sich die Qualität wider.«
Joachim Unseld in seiner Begrüßungsansprache
Neben der Ehrung aller 25 prämierten Titel wurden auch die Preisträger:innen des diesjährigen »Förderpreis für junge Buchgestaltung« gewürdigt.
Der Katalog
Zudem wurde der jährlich erscheinende Katalog der »Schönsten Deutschen Bücher 2025« erstmalig präsentiert. Gestaltet wurde dieser von Studio Tillack Knöll – Design Practice aus Stuttgart. Bestellbar via ISBN 978-3-9822108-4-1
Die Ausstellungen zu den prämierten Büchern 2025
Die prämierten Bücher werden ab sofort auf große Wanderausstellung gehen und an zahlreichen Orten im In- und Ausland zu sehen sein. Eine Übersicht aller Ausstellungsorte finden sie HIER.
Erstmalig eröffnet parallel zur Preisverleihung eine Ausstellung im chinesischen Hangzhou, organisiert von Hesign International.Auch die Kooperation mit dem Literaturhaus Frankfurt wird fortgeführt: Die 25 prämierten Bücher sind das ganze Jahr über im Foyer des Hauses zu sehen.
__________________________________________________________________________
Pressematerial
(druckfähig, honorarfrei, © Stiftung Buchkunst, Fotos: Carolin Blöink)
Bildmaterial zu Buchenwald HIER ZUM DOWNLOAD
__________________________________________________________________________
Laudatio
Anna Lena von Helldorff
Frankfurt, 6. September 2025
ich werfe den Blick zurück:
Frankfurt, 22. Mai 2025;
eine Reihe an Büchern, jedes nimmt seinen Raum
wir bewegen uns in den Räumen der Bücher, zu den Büchern.
begegenen den liegenden Erzählungen im Buchraum
dem ersten Eindruck mit Händen und Augen
Haptik und Optik
ein Buch zur Hand nehmen — oder ein Buch vor sich legen
das Format erwirkt die Handhabung
die Materialität bestimmt den Lauf.
Augen und Hände sind in stetiger Bewegung,
und halten dann immer wieder inne, den Blick heben —
Blättern und Blicken gleichzeitig.
El Lissitzky schreibt 1923 [ in dem Manifest ] „Topografie der Typographie“ [ Merz 4 ]
1. Die Wörter des gedruckten Bogens werden abgesehen, nicht abgehört.
2. Durch konventionelle Worte teilt man Begriffe mit,
durch Buchstaben soll der Begriff gestaltet werden.
(3. Ökonomie des Ausdrucks – Optik statt Phonetik)
4. Die Gestaltung des Buchraumes durch das Material des Satzes
nach den Gesetzen der typographischen Mechanik muß
den Zug- und Druckspannungen des Inhaltes entsprechen.
[…]
8. Der gedruckte Bogen überwindet Raum und Zeit…;
In einem gemeinsamen Zeitraum gilt es für uns – die Jury –
Eindrücke und Eindrückliches zu sammeln,
Worte zu finden, Fragen zu stellen: nach dem Augenmerk des Besonderen,
der Preisung unter den bereits Ausgezeichneten, eine Frage der Gewichtung.
Eine Frage der Ausrichtung und Orientierung, in einem heute, einem Jetzt.
[ einer solchen Gegenwart ] woran sich ausrichten?
wo stehen wir?
was ist aktuell — und von Gewicht?
[ Gegenwart — in Form eines Buches? ]
eine suchende Bewegung
zwischen ausgezeichnet und ausgezeichnet
zwischen Auge und Sinn
zwischen Wahrnehmung und Bewegung
(zwischen Atlas und Kompass);
was also ein Buch sein kann
als Objekt, als Gegenstand, als Widerstand;
als Ausgangspunkt;
als Raum;
als Ort;
als Gegenwart;
als Zeit;
Zeugnis;
Gefäß;
Atlas;
Kompass;
als Lektüre
Im Wesen des Buches liegt also die Rolle der Lektüre, des Lesens
— als ein körperlicher Vorgang, eine im und mit mehrfachem Sinne wahrnehmende Bewegung — visuell, haptisch, inhaltlich.
Ich möchte den Begriff der Lektüre als wesentliches Momentum eines Buches verstehen,
und sie keinesfalls auf das reine Lesen von Schrift beschränken,
sondern „aller Sprachen“ und Ausdrucksformen.
Und für ein Lesen setzt das Buch als Ausdrucksform Eigenschaften ein,
ist in seiner Form, als Gegenstand selbst Teil der Erzählung
—
Mit seinen zur Verfügung stehenden Mitteln wird es zum Gefäss aus dem Raum der Buchseiten, deren Materialität, dem Weißraum, den Texturen, den Oberflächen und Zeichen.
Elizabeth Warde beginnt 1932 ihren Text „The Crystal Goblet“
mit dem Satz „ Imagine that you have before you a flagon of wine“ —
und beschreibt zwei mögliche Gefässe aus denen der Wein zu trinken wäre —
ein goldenes und ein kristallklares, the chyrstal goblet.
Sie setzt das Gefäss als Metapher
[ Bear with me in this long-winded and fragrant metaphor; ]
„… for you will find that almost all the virtues of the perfect wine-glass
have a parallel in typography […] no cloud must come between
your eyes — and the fiery hearth of the liquid.“
[ Warde B: „The Crystal Goblet“, (1932). The essay was first given as an address to the Society of Typographic Designers in London. Later published in The Crystal Goblet – Sixteen Essays on Typography, page 91. World Publishing, 1956. ]
liquid — flüssig, Flüssigkeit; Substanz, Gehalt, Inhalt.
Das Gefäss birgt also den Inhalt und trägt gleichzeitig zum Inhalt
bei.
Das Trinken ist also dem Lesen verwandt;
und die Lektüre beginnt mit dem Cover, dem Lesen des Titels.
„Literatur, Bücher Texte sind immer geformte Erfahrung“
sagt der Verlger Guggolz im Gespräch mit Mascha Jakobs
über das Buch [ als Erfahrungsraum ].
[ Dear Reader, Sebastian Guggolz über Vertrauen; Podcast 24.7.2025 ]
Die geformte Erfahrung, ist der Gegenstand, das Gefäss des Buches selbst.
Das Buch eröffnet unter dem Titel verbunden einen Erfahrungsraum.
Ein Buch liegt vor mir
hoch, schmal, hell,
Festeinband, Textur
Der Titel liegt vor mir:
ich lese, vielmehr: erfasse — und halte inne, blicke auf,
und notiere:
Gleichzeitigkeit
klar
der Titel ist Gegenstand
und Bedeutung zugleich
glasklar und rauh
verwoben
die Textur in der Hand
den Text im Blick
eine Gleichzeitigkeit
jetzt — in meiner Hand
Das Buch lässt sich leicht aufschlagen.
Ich halte dennoch inne, blicke auf.
„Ist es Ihnen noch nie passiert, daß Sie beim Lesen eines Buchs
nicht aus Desinteresse, sondern, im Gegenteil, aufgrund von Gedanken,
Erregungen und Assoziationen in Ihrer Lektüre ständig innehalten?
Mit einem Wort, ist es Ihnen nicht passiert, daß Sie aufblickend lesen?“
schreibt Rolands Barthes in dem Text: das Lesen Schreiben [ Das Rauschen der Sprache ]
[ Roland Barthes, Das Rauschen der Sprache – Kritische Essays IV, Suhrkamp, 2005 ]
und er schreibt weiterhin
„…um aus einer Lektüre wieder einen Gegenstand
einer weiteren Lektüre zu machen, muß(t)e ich natürlich darangehen,
alle diese Augenblicke des „Aufblickens“ zu systematisieren.
Und ich erlaube mir, diesen Gedanken aufzugreifen — und ihn als wesentlich
für die Ausdrucksform des Buches zu verstehen, nämlich:
„aus einer Lektüre wieder einen Gegenstand
einer weiteren Lektüre zu machen“
unter anderem durch den Raum des Innehaltens, des Aufblickens
— aufgrund von Gedanken, Erregungen und Assoziationen —
als besondere Eigenschaft eines Buches.
Für die Verleihung dieses Preises, dieser weiteren, besonderen Auszeichnung
ist diese Eigenschaft ausschlaggebend:
Der Titel ist Gegenstand und Bedeutung zugleich.
Die von der Buchstäblichkeit des Titels bewirkten Assoziationen […] sind,
„ob man will oder nicht […] bestimmten Codes, bestimmten Sprachen,
bestimmten Listen von Stereotypen abgewonnen, entnommen und darin eingespannt.“
[ Roland Barthes ]
Das Buch öffnet diesen Spannungsraum – durch Nadel und Faden zusammen gebunden –
für eine Lektüre von Zeit und ihrem Vergehen – Erfahrungen und Stimmen
im Geflecht verschiedener Zeiten und Bilder …
Die Bewegung im Buchraum nimmt einen Ort als Ausgangspunkt
für Zeit~geschichte(n) gebundenes Lesen.
Der Preis der Stiftung Buchkunst geht deswegen
an den Titel —
und die darunter, darin und darüber hinaus gefasste Lektüre —
Buchenwald
die aus Anlass des Gedenkens 2025 erschienen ist,
als Buch herausgegeben von Hartmann books in Zusammenarbeit
mit Christan Rothe
[ klatschen ]
Buchenwald
Die Buchstäblichkeit des Titels bewirkt Assoziationen,
die Lektüre des Buches bewirkt eine ständige Bewegung:
zwischen Innehalten und Fortsetzen,
Verbinden, Suchen, Spüren.
Schrift und Bild, Texturen und Oberflächen,
Graustufen und Grauwerten.
Zwischen Klarheit und Dunkelheit,
— nicht drohend, aber bedrohlich. im jetzt.
In einem Begriff wird das Begreifen und das Unbegreifliche durch das Buch verbunden.
Die Lektüre geht von einem Titel, einem Wort, einer
Bezeichnung aus
und übersetzt die Bedeutung von Vergangenheit in die Gegenwart fort.
Im Lesen erweitert sich der Titel in dem Raum, der durch eine Anzahl gebundener Seiten geschaffen wird, weit über die Seiten hinaus.
Nicht zuletzt durch die Lektüre,
eine Lektüre, die gleichzeitig als Atlas und Kompass gelesen werden kann –
und muss.
„Eine gehaltvolle Erinnerungskultur ist angewiesen
auf die produktive Verarbeitung gegenwärtiger geschichtlicher Erfahrungen.“
[…] Beiträge zur Erinnerungskultur können aber nicht mittels staatlicher Sanktionsgewalt zu einem für alle verbindlichen Deutungskodex gemacht werden.
Verbindlichkeit für die öffentliche Erinnerungskultur können sie allein durch ihre Überzeugungskraft gewinnen.
[ Argument, aus dem Buch, Buchenwald, S. 226 ]
zurück zum Gegenstand der Lektüre:
ich erlebe die Lektüre und nehme die Erfahrung derselben als Anlass,
als Quelle um nun ab hier das Buch für sich sprechen zu lassen –
so wie das Argument zuvor –
die Stimmen des Buches selbst indem ich hier als Lesende stehe
um „aus einer Lektüre wieder einen Gegenstand
einer weiteren Lektüre zu machen“
Ich beginne während der Lektüre
und damit ist das Blättern gemeint, das Seiten lesen,
Bilder wie Texte, Weißräume wie Leerseiten
immer wieder innezuhalten.
in der Lektüre — aufgrund von Gedanken, Erregungen und Assoziationen —
ich nehme die Lektüre als Ausgangspunkt
um Notiz zu nehmen und Notizen zu machen,
ich schreibe das Lesen mit, die Bewegung:
ich lese nun laut
Das Buch öffnet sich ohne Mühsal —
der Gegenstand des Buches
ist in seiner Handhabung leicht
und wirkt selbstverständlich, unmittelbar.
Klarheit.
Gewebe.
Verästelungen, darunter.
(wie Adern)
weiß
Schmutztitel, mittig
[ Buchenwald. ]
Doppelseite,
Text links
Text rechts
sofort öffnet sich die Leserichtung in beide(n) Seiten;
gleichmässig, ohne Gewichtung
und in verschiedenen Zeiten
dann Serien Vegetation;
durchzogen von mensch strukturierten Resten;
überwachsenes, Schichten, Moos
„alte und gezeichnete Bäume“
Fotografie
das Licht in den Oberflächen
im Schnitt der Wechsel zwischen Weiß und Grau in Stufen.
Die Klarheit des Gesetzten,
die Klarheit der Bilder.
die Klarheit der Typografie.
(das Buch kommt fast gänzlich mit einer Schriftgröße aus)
die Klarheit der Entscheidungen:
Grauwert Text.
Graustufen Dickucht. Landschaft. Textur.
Roland Barthes schreibt:
„Den Text öffnen, das System seiner Lektüre aufstellen,
heißt also nicht bloß fordern und zeigen, daß man frei interpretieren darf;
das heißt vor allem, und weit radikaler, zur Erkenntnis führen,
daß es keine objektive oder subjektive Wahrheit des Lesens gibt,
sondern nur eine spielerische Wahrheit;
allerdings darf das Spiel hier nicht als Zerstreuung aufgefaßt werden,
sondern als eine Arbeit, aus der sich jedoch jegliche Mühsal
verflüchtigt hätte.“
Bilder und Texte erscheinen gleichermaßen und scheinbar mühelos
im Weißraum gefasst;
im Anschnitt stehen Bilder im Spannungsverhältnis
zu Vakatseiten — innehalten.
Das Innehalten erscheint also schon vorgesehen.
In der Klarheit liegte eine Präzision der Entscheidungen.
ohne Mühsal.
Die Präzision der Entscheidungen
beginnt mit dem gleich zu Beginn gesetzten Gedicht
„der gefesselte Wald“
erst auf Seite 21 beginnt die heraus gegebene Erzählung
mit dem ganzen Titel:
Buchenwald — Im Dickicht vom Ettersberg
gefolgt vom Inhaltsverzeichnis.
Notiz:
was man über das Buch sagen,
und verzeichnet lesen kann
was man also vor~lesen kann:
das Inhaltsverzeichnis, die Titel der Texte
Der gefesselte Wald, [ José Fosty ]
Spurensuche, [ Günter Jeschonnek ]
Roman eines Schicksallosen, [ Imre Kertész ] (Auszug)
Nackt unter Wölfen , [ Bruno Apitz ] (Auszug)
Was für ein schöner Sonntag!, [ Jorge Semprún ] (Auszug 1)
[ Was für ein schöner Sonntag! ], [ Jorge Semprún ] (Auszug 2)
Stille Zeugen. …, [ Andrea Karle ]
Die Aktualität der Erinnerung, [ Heinrich Bedford-Strohm ]
Ich lese aber auch die Erscheinungszeiten der Texte in den Fußnoten,
und erfahre eine Chronologie der Texte
in Wieder- veröffentlichungen und Über~setzungen
fosty, Erstausgabe 1945/46, Übersetzte Fassung, 2013;
kertesz, Ungarische Erstausgabe 1975, deutsche Erstausgabe 1990;
apitz, Erstausgabe 1958, erweiterten Neuausgabe 2012;
semprún, franz. Erstausgabe 1980, deutsche Erstausgabe 1982;
[ Fosty: Übersetzung des Gedichts von José Fosty (Künstlername Fosty) aus dem Französischen von Annette Seemann. Hier abgedruckt nach: André Ver-det, Wulf Kirsten, Annette Seemann (Hrsg.): Der gefesselte Wald - Gedichte aus Buchenwald, Göttingen: Wallstein, 2013 [frz. Erstausgabe von André Verdet (Hrsg.): Anthologie des poèmes de Buchenwald, Paris: Laffont, 1946). ]
und ich möchte ergänzen
der Text — vielmehr die Texturen
der Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Christian Rothe,
seit 2017 …
und dann weiter, im Text, in den möglichen Leserichtungen:
die präzise Auswahl der Textauszüge,
der Stimmen, die die Bilder mit einer Sprache umgeben,
die das Unbegreifliche in den Zwischenräumen
als Spurensuche sichtbar machen
findet sich auch in der Lektüre der ersten und letzten Sätze…
— aus zeitlichen Gründen kann ich diese nun nicht in Gänze vorlesen
daher nun auch meinerseits: nur Auszüge
und Notizen aus der Lektüre:
[ Anmerkung: einige letzte Sätze stehen in eckigen Klammern,
wie alles, was ich de facto vor Ort nicht verlesen habe ]
[ erste und ] letzte Sätze, [ Kertész ]
Roman eines Schicksallosen [Auszug]
„Ich kann behaupten: Es gibt keine noch so große Erfahrung, keine noch so vollkommene Ergebenheit, keine noch so tiefe Einsicht, dass man seinem Glück nicht doch noch eine letzte Chance gäbe - vorausgesetzt, man hat die Möglichkeit dazu, versteht sich.“
[ S. 61, erster Satz ]
mittendrin:
„Da lag das ganze Gelände, der dichtbevölkerte Abhang,,
die einförmigen Steinhäuschen, die schmucken grünen, und dazu,
in einer gesonderten Gruppe etwas düstere, vielleicht neue
und noch nicht angestrichene Baracken, die gewundenen, aber sichtlich geordneten Drahtzaunhecken, welche die verschiedenen inneren Zonen voneinander trennten,
und weit entfernt die sich im Neben verlierender Masse mächtiger, jetzt kahler Bäume.
… die gepflasterten Lagerstraßen …
Notizen:
Bilder erscheinen in Texten, resonieren mit dem zuvor wahr genommenen.
Der Weißraum der sowohl Satzspiegel und Fotografie fasst,
Grauwert und Dickicht erscheinen auf derselben Leseebene.
Die anschließenden Bilder greifen die Sprachbilder auf.
der letzte Satz:
„Und alles Abwägen, alle Vernunft, alle Einsicht, alle Verstandesnüchternheit half da nichts - in mir war die verstohlene, sich ihrer Unsinnigkeit gewissermaßen selbst schämende und doch immer hartnäckiger werdende Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: Ein bisschen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“
[ S. 63, letzter Satz ]
[ Kertész: Ungarische Erstausgabe unter dem Titel Serstalanság, Budapest 1975, deutsche Erstausgabe 1990 unter dem Titel Mensch ohne Schicksal, hier zit. nach der Neuübersetzung von Christina Viragh unter dem Titel Roman eines Schicksallesen (1996), Hamburg: Rowohlt, 2023, S. 203-209. ]
erste [ und letzte ] Sätze, [ Apitz ]:
Nackt unter Wölfen [Auszug]
„Wie lange sind Sie schon im Lager?“
„Acht Jahre, Herr Kommissar.“
„Acht Jahre! (Tststs ...] Wie haben Sie das nur ausgehalten?“
[ S. 95, erster Satz ]
„… Pfahlbauartige Wachtürme wurden sichtbar wie primitive Jägersitze …“
„Ein Zaun war da aus ungeschälten Stämmen, darum Stacheldraht
wie Notenlienien.“
Notiz:
ein paar Seiten weiter [ S. 146 ] findet sich ein Bild, das diesem Sprachbild entspricht —
„Einzelne hochragende Bäume waren zu sehen, deren Äste wie aufgereckte Arme in dier regennasse Finsternis stießen, und regellos verstreute Lichtmasten
… Schwarze Baumstümpfe hockten umher, ein paar Bretterbuden.
Starr und tot war die gespenstische Landschaft.“
Meine Notiz:
Ich denke sofort an die Uraufführung von wood, wood, wood
von Christiane Huber (vor kurzem in den Kammerspielen):
„Was in der Biosphäre des Waldes geschieht, wird nicht vergessen – vielmehr gespeichert.“
[ „Das muss ich Ihnen doch alles erzählen, Herr Kommissar!
Sie müssen wissen, was ich hinter mir habe!“ ]
[ S. 97, letzter Satz ]
[ Apitz: Hier zit. nach der erweiterten Neuausgabe auf Grundlage der Erstausgabe 1958, hrsg. von Susanne Hantke und Angela Drescher, Berlin: Aufbau, 2012, S. 280-287. Die in Klammern () eingefügten Passagen sind 2012 fir die Neuausgabe aus der letzten überlieferten Lektoratsfas-sung entnommen worden, die in der Erstausgabe des Romans von 1958 nicht enthalten waren. ]
Notiz:
nach Apitz wieder Dickicht,
gebrochene Bauwerke.
Detail, Zeichen der Zeit, die Rindenringe.
Plötzlich wir mir klar und gegenärtig: die Zeit in den Bildern.
[ erste und letzte Sätze, Semprún 1 ]
Was für ein schöner Sonntag!
„Er hatte die Böschung überschritten und stapfte durch den weichen jungfräulichen Schnee.
Da stand der Baum, in Reichweite. Der Baum war wirklich, man konnte ihn anfassen.“
[ S. 135, erster Satz ]
[ weiter ]
„… er lachte über die Sonne, den Baum, die Landschaft, über die Idee seines eigenen wahrscheinlichen und lächerlichen Verschwindens.“
„… vor einem Baum zu stehen, ganz betört und verzückt zu lachen, abseits der ausgetretenen Wege… war einfach unterräglich… Er durfte nicht derart losreden.“
„… Eine Sekunde lang überraschte ihn die Vorstellung, daß der Unteroffizier die gleichen Augen für den Baum hatte wie er selbst…“
Notiz:
Bilder der Texturen und Oberflächen verweben sich
mit den Sprachbildern der Erinnerung durch die Gegenwart meiner Lektüre;
ich notiere
verschwinden, Körper, Spuren, Ruinen, reste, Wunden, Erinnerungen
(und denke: Atlas)
[ „Der Buchenwald auf dem Hügel von Ettersberg, der diesem Ort seinen
Namen Buchenwald gibt, liegt einige Kilometer von Weimar entfernt.“ ]
[ S. 137, letzter Satz ]
Dann die Notenlinien.
Doppelseite. Öffnung, Gitter, Draht.
feinadrig, Äste wie Nervenzellen.
doppelseite: wieder wolkenlos
Schornstein, Bäume,
Gebäude: scheinbar in Takt. heute? eine Uhrzeit — nachmittags
[ S. 177 ]
erste und letzte Sätze, semprun 2:
„Heute nachmittag in der Yale University starrte mich eine junge Frau an.“
[ S. 193, erster Satz ]
ich notiere:
die Zeit in beiden Schichten
im Text „heute nachmittag“ — im Bild die Uhr, viertel nach drei,
zwei Nachmittage:
[ der eine inzwischen andernorts, Yale, 1975 ]
wir sind in der Zeit fortgeschritten.
und werden der Gegenwart
immer näher kommen — hier, jetzt.
weiter in der erzählung der bilder.
die Bilder richten den Blick,
das Ausrichten des Blicks wird sichtbar;
die Suche des Blickwinkels;
der Fotograf teilt seinen Blick;
[ sich im Blick fortsetzende Bilder, der eigene Standpunkt wird gegenwärtig ]
so auch der Autor, der seine sprachliche Methode mitteilt:
„Ein sonniger Schatten huscht über ihr Gesicht.
Ich habe sonnig gesagt, denn ihr Gesicht erhellt sich, wie von innen heraus.
Ich habe Schatten gesagt, dann, denn ihr Blick verdunkelt sich zugleich“
„Nein", sage ich. „Man kann seinem Sohn nichts erzählen, wenn man einen Sohn hat. Unbekannten kann man es am besten erzählen: denn man ist weniger betroffen, weniger feierlich. Und außerdem hätte Ihr Vater Ihnen keinesfalls seinen Tod erzählen können. Ich dagegen kann es!“
[ S. 194 ]
Notiz : ich bin die Unbekannte
„So werden wir alles erfahren haben, wir Polen", sagt sie mit traurigem, vielleicht verzweifeltem Stolz.“
[ S. 195, letzter Satz ]
[ Französische Erstausgabe unter dem Titel Quel beau dimanche! Paris 1980, deutsche Erstausgabe Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1981, hier zit. nach der Ausgabe München: Süddeutsche Zeitung/Bibliothek 2004, S. 10-15. ]
(m)ein Fazit der Lektüre
liegt in der Verbindung von Text und Bild.
Die Bewegung des Lesens eröffnet Perspektiven und Raum,
Licht und Schatten, zwischen Dickicht und Verstrickung, Dunkelheit und Lichtblicken.
Die Fotografien erscheinen im Buch ohne Titel;
ich bin fast froh — als Lesende — die stillen Zeugen fordern den eigenen Blick.
einen Standpunkt. die Begegnung in der Gegenwart der Lektüre.
es bleibt genug Raum, dazwischen.
zwischen Seiten, Bildern, Gedanken.
das Blättern als physischer Vorgang, die Vakatseiten als Material der Pause,
das Fallen der Seiten, der sichtbare Schnitt zwischen hell und dunkel;
Raum für Orientierung, Interpretation, den Blick heben – Innehalten.
Notiz:
die Sprache der Zeitzeug*innen aus den verschiedenen Zeiten
übersetzt in Worte, Sprachbilder, Beschreibungen und verwebt
Facetten, die in den Bildstrecken spürbar erscheinen.
Auch der Text Stille Zeugen
verortet am Ende des Buches die Arbeit von Christian Rothe
in Kontext und Ort, und setzt das bereits wie ein Gewebe wachsende Vokabular Buchenwald fort:
überwucherte Reste
abgetragene Mauern
Spuren suchen, wiederfinden
im Aufkeimen vereiste Pflanzen
auffällig knotige Bäume
markant verwachsene Bäume
erinnerungspolitische Kehrtwende
unwegsames Gelände
„die Brache als Ort, an dem das
was stattgefunden hat, nicht (mehr) erkennbar ist.“
„die Ruine als Relikt menschlichen Handelns“
Überwucherungen,
Verästelungen
„das Dickicht verdeckt das Gewesene“
und ich notiere:
die Texte machen es (wieder) lesbar
„Gebäudereste
die sich durch scharfe Kanten vom Boden abheben, nicht organisch gewachsen sind.“
„…der mögliche Blick unter die Wurzeln,
als würde man einen Teppich lüften
und das unter ihn gekehrte käme zum Vorschein.“
[ S. 220 ]
der Schrecken des Ortes.
[ Faden und Gewebe, verbinden — als Material, als Inhalt, als
Erfahrung —
das Material, den Inhalt und die Erfahrung: Zeit, Vergehen, Zeugnisse, Zeichen der Zeit,
Stimmen der Zeit, Über- und Fortsetzungen als Zeitgeschichte(n) — ]
Bilder und Texte erzählen von einem davor, einem danach – von Schichtungen, Überlagerungen, Verwebungen, Verästelungen, Verstrickungen, dem Verschwinden und dem Vergehen. Vergangenheit, Gegenwart – jetzt; verwoben in der Gleichzeitigkeit des Buchraums, verbunden durch die Bewegung des Lesens:
in der Gegenwart. jetzt.
„die Lektüre ist ein tätiges Eingedenken“
die Frage, welche Rolle, Instanz, Wirkung ein und somit dieses Buch haben kann
stellt auch Jeschonnek im Text Spurensuche mit dem Begriff des Nachhalls —
Der Nachhall ist bereits im Buch inbegriffen, in den Bildern allemal, in den Texten ebenso:
sie sind Resonanz — und im Nachhall der Erfahrung formuliert:
das wieder holen der Geschichten,
das wiederholte Publizieren, Über~setzen,
in neuem Kontext editieren —
die Vergangenheit in der Gegenwart lesen.
die Gegenwart in der Vergangenheit lesen.
gleichzeitig.
ein Buchraum in dem die Vergangenheit gegenwärtig ist und bleibt:
hier, jetzt
[ ich trage das Buch durch die Straßen von Marseille;
immer wenn ich etwas in und aus der Tasche suche, sehe ich den Rücken,
spüre die Gaze. die Prägung in das Material, die Fäden,
die ein unregelmäsdiges Netz spannen – rhizomartig.
[ Geflecht. ]
Notiz:
ich bemerke das Gewebe nimmt Spuren auf,
es ist ein Netz, welches den Gebrauch verzeichnet;
inzwischen sammeln sich Spuren der Handhabung,
nicht auf der Oberfläche, sondern in der Oberfläche
Ich schließe hiermit die Lektüre
und Notizen — und möchte mich abschliessend bedanken:
Danke für das gemeinsame Erfahren dieser Entscheidung an die Jury –
eine Entscheidung zwischen ausgezeichnet und ausgezeichnet zu treffen,
sich annähern, Gewichtungen erwägend, Worte finden, das besondere benennen zu können:
Atlas und Kompass —
Und ich bedanke mich besonders für diese eindrückliche und besondere Lektüre,
die präzise Zurückhaltung, so dass alle Bestandteile zur Sprache kommen,
das Erfahren, das Lesen, Betrachten und das Innehalten…
bei den Preisträger*innen und Verleger*innen Markus und Angelika Hartmann,
und allen Beitragenden zu diesem Buch, insbesondere dem Fotografen und Gestalter Christian Rothe …
ich bedanke mich schlußendlich
für eine Lektüre die sich
als Ausdrucksform des Buches,
mit dem Fassungsvermögen des Unfassbaren,
in der Zurückhaltung durch Präszision
im Nachhall fortsetzt
als Atlas, als Kompass:
nie wieder
ist jetzt.