Lena Ludwig
Liebhabkondensat
Eine Sammlung von 100 familiären Idiolekten
Begründung der Jury
Sobald wir die gleiche Sprache sprechen, sprechen wir die gleiche Sprache. Oder? Wem sind schließlich Worte wie Bollerbuxe, Hümmelken oder kotterich kein Begriff? Der individuelle Sprachgebrauch unterscheidet sich – abhängig von Region und Humorverständnis – stärker als vielleicht angenommen, würde man unsere häufig verwendeten Lieblingsworte protokollieren. Dieser individuelle Sprachraum jedes einzelnen Menschen – bestehend aus Wortschatz, Sprachverhalten, Ausdrucksweise und Aussprache – wird als Idiolekt bezeichnet.
Einer eher emotional als rational geprägten Sammlung solcher Begriffe widmet die Autorin ihren ganz eigenen Duden, sowohl was dessen nachschlagewerksartige Systematik als auch grafische Gestaltung betrifft. In „Liebhabkondensat“ werden 100 familiär geprägte Worte mit englischen und deutschen Erläuterungen untersucht. Gleichzeitig lädt das Projekt die Leserschaft dazu ein, sich diesen Begriffen zunächst spielerisch über eigene Interpretationen zu nähern.
Wie bei einem Kreuzworträtsel, das der Publikation auf zeitgenössische Weise ihre visuelle Sprache verleiht, entstehen Bedeutungen nicht nur durch einzelne Worte, sondern durch Hinweise, Leerstellen oder Beziehungen. Eigene Lösungsansätze versteht die Autorin nicht als Fehlinterpretationen, vielmehr als neue Bedeutungsangebote. Insgesamt wird die individuelle Deutung der Idiolekte über Bildwelten sowie über Satzkonstruktion ermöglicht. Alternativ ermöglichen Querverweise den kurzen Weg zur Auflösung.
Das kompakte Individualwörterbuch ist ein handliches Objekt mit vielen Wegen der Annäherung. Optisch frisch wirkt es besonders durch die prägnante Headlineschrift und das markante grafische Raster. Im Buchblock finden sich Eingriffe in Form runder Ausstanzungen, die direktes Springen zu den nächsten Kapiteln ermöglichen. Die durchdachte Gestaltung macht die Nutzung des Buches besonders angenehm und regt zur Dokumentation der eigenen Sprachwelt an.


